Weinessig

18.8.02026 5 (4)

Beitragsfoto: Weinessig

Retro

Passend zum heutigen Tag ein Blog-Beitrag von Ruben Schade über Answering Hacker News: Retro motherboard rack. Bis zu unserem letzten Umzug sah es bei mir genau so aus! Meine Motherboards und Festplatten, für den Fall dass es nicht gleich der gesamte PC war, stapelten sich in den Schränken und Kisten. Und für den Fall, dass ich die PC nicht mehr zum Laufen bekomme, hatte ich noch alle Lesegeräte für sämtliche digitalen Medien als Backup (kleiner Insider: für Hardware hatte ich stets einen Ersatz zur Hand).

Nun haben die Fotos von Ruben Schade Erinnerungen geweckt. Bis gerade eben habe ich übrigens meine alten Rechner und deren Peripherie weder vermisst noch jemals wieder gebraucht. Höchstens meine Sammlung sämtlicher Microsoft Software (beginnend mit dem ersten MS-DOS) vermisse ich bei den Gesprächen mit Detlef Stern ein wenig.

Was mich nun wieder daran erinnert, dass ich die alten Apple-Geräte noch entsorgen muss. Diese sollten tatsächlich noch funktionieren, nur braucht sie heute kein Mensch mehr.

Vermischtes

Über drei Ecken bin ich heute zu Ernst Jandl gelangt. Ottos mops kotzt! Mit den Gedichten ist es so eine Sache, denn wenn man selber kein LLM ist, läuft man sehr schnell Gefahr verklagt zu werden. Wer nun wissen möchte, was es mit dem kotzenden Mops auf sich hat, dem empfehle ich die hier verlinkte Seite der Lyrik Line.

Bei meinen Aufräumarbeiten habe ich wieder einen neuen Raum entdeckt; der Raum ist nicht neu und ich kenne ihn auch schon etwas länger, aber nun sehe ich diesen neu und mit ganz anderen Augen. Meine bessere Hälfte meint, es gäbe noch viele andere Räume, die ich mit ganz neuen Augen sehen sollte.

Manche Menschen kennen sie noch die Foto-Alben. Ich hatte mich in den 1980er-Jahren für eine hölzerne Foto-Box entschieden und diese dann vergessen als kein Foto mehr hineinpasste. Meine beiden Buben fanden sie einmal und so wurden die Fotos kurzentschlossen hervorgekramt. Inzwischen dürfte die Box wieder irgendwo herumliegen. Die meisten Foto-Alben wurden schon länger entsorgt und ich bin großer Hoffnung, dass die letzten bis Ende des kommenden Jahres ihr Nirwana gefunden haben.

Nach den Foto-Alben kamen die DIA-Rahmen-Magazine und es gab kaum noch Grenzen. Inzwischen bin ich dabei diese zu entsorgen — was nicht ganz so einfach ist.

Dann kam Mitte der 1990er-Jahre die digitale Fotografie und schwuppdiwupp hatte man unzählige Speichermedien voll oder versorgte später gar Firmen wie Amazon, Google, Apple oder Flickr mit seinen eigenen Werken; auch ich war sehr eifrig mit dabei. Wenn es tatsächlich so etwas wie das Löschen eigener Daten auf fremdem Speichern gibt, dann bin ich fast mit dem Löschen wenigstens dieser Fotos fertig — einzig mein iPhone sammelt noch ganz heftig.

Etwas spannender zumindest für mich war der „Fund“ von drei Weinregalen. Eines hatte Weine aus den 1960er- und 1970er- Jahren, eines 1980er- und 1990er-Jahre und das letzte Wein aus 2000 bis etwa 2015. Da es sich um lokalen Wein handelt, kann man getrost davon ausgehen, dass jene Flaschen, die noch über einen Inhalt — leider war mein Jahrgang bereits verdunstet — verfügen, nicht mehr trinken kann.

Meine erste Idee war, frei nach Vincent Klink in die Essigproduktion einzusteigen und einen entsprechenden Jahrgangsessig zu produzieren, dann aber ließ ich doch von dieser Idee ab — es gibt andere Dinge zu erledigen! Nun suche ich eine Gelegenheit, um die Flüssigkeiten zu entleeren und ein paar Altglascontainer zu füllen. Und wer weiß, vielleicht mache ich dabei sogar ein paar Regenwürmer glücklich.

Buffet

Heute Morgen flog mir ein Blog-Beitrag von Stefan Rose mit dem Titel „Sommerloch: Menschen am Buffet“ regelrecht in meine Timeline. Ein Thema, das mich spätestens seit meinem 14. Lebensjahr beschäftigt, sehr wahrscheinlich noch weit vorher, da mich mein Vater sehr früh mit zu Parteiveranstaltungen mitnahm — und dort gab es immer etwas zu futtern.

Wenn man Menschen so richtig kennenlernen möchte ohne mit diesen gleich gemeinsam dienen zu müssen, gibt es neben dem Spiel kaum eine weitere gute Gelegenheit, wie das möglichst kostenlose Buffet.

Fangen wir einmal bei der Erziehung an. Sowohl ein Führer als auch ein guter Gastgeber selbst isst erst zum Schluss, wenn dann doch noch etwas übrig sein sollte. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt mir sehr deutlich, dass dieser Teil einer guten Erziehung immer mehr in Vergessenheit gerät.

Ein guter Führer oder auch ein erfahrener Gastgeber sorgt dafür, dass auch für ihn selbst noch etwas übrig bleibt, selbstverständlich ohne den Gästen dabei etwas vorzuenthalten. Zugegeben, dies wird über die Jahre hinweg immer schwieriger. Letztens mussten wir tatsächlich in Stuttgart, einer Stadt, die für ihre Esser am Buffet berüchtigt ist, gleich zweimal nachlegen lassen, davon einmal völlig improvisiert, wobei selbst der professionelle Caterer an seine Grenzen stieß.

Schlechte Führer wie auch schlechte Gastgeber erkennt man daran, dass sie das Buffet als erstes stürmen. Hierüber könnte ich inzwischen ganze Bücher schreiben.

Zu den Essern selbst, dürfte ich bereits öfters hier im Blog etwas geschrieben haben. Die professionellsten Esser räumen das Buffets bereits leer bevor es überhaupt eröffnet wurde und die „zweite Bundesliga“ kommt erst zum Buffet selbst oder geht alternativ gleich nach dem Leerräumen des Buffets wieder. Alles andere ist bestenfalls dritte Liga.

Mit einer sehr professionellen Esserin bin ich inzwischen sogar fast so gut wie befreundet, denn ich staune selbst nach Jahren noch, was so alles an einem Buffet geht und was nicht. Die erste und zweite Bundesliga in meinem Interessen- und Verantwortungsbereich kenne ich mit Namen und mache mir schon Gedanken, wenn ich diese Esser einmal nicht am Buffet erblicke.

Die dritte Liga kenne ich zwar nicht beim Namen aber weiß ganz genau, wann und wo ich sie am Buffet zu erwarten habe. Manche haben regelrecht ihre Stammplätze am Buffet und dies ganz unabhängig davon wie man dieses aufbaut oder aufbauen lässt.

Fahren wir einmal mit einem weiteren Erziehungstipp fort. Das Buffet ist ein gesellschaftliches Ereignis und dient nicht dazu, um Menschen satt zu machen! Das gereichte Essen und die Getränke dienen alleine mit dazu, um die Kommunikation untereinander zu erleichtern.

Selbst dann, wenn man ganz besonders als Volksvertreter tagelang nichts gegessen haben will und in Kürze wieder die gesamte Welt retten muss, ziemt es sich nicht mit der Hauptverantwortliche für ein leeres Buffet zu sein! Und schon gar nicht, wenn man bei der das Buffet begleitenden Veranstaltung einen Führungsanspruch erhebt.

Wissend, dass das Buffet nicht dazu dient, um satt zu werden, plant man als Gast eine notwendige Essensaufnahme im Vorfeld oder im Nachgang. Wobei es in unserem Land keinem einzigen Menschen schaden dürfte, einen Tag lang nur einmal an einem Buffet zu naschen und das Essen auf den Folgetag zu verschieben.

Es gibt sie dennoch die wunderbaren Momente an einem Buffet! Zum einen wenn man jüngere Buffetgäste erblickt, die mit großen Augen die Welt der Buffets gerade erst kennenlernen und sich dabei langsam, vorsichtig uns sehr angenehm vorzutasten beginnen und zum anderen, wenn man dann dabei auch noch ältere Buffetgäste sieht, die sich an das Gedicht Eugen Roths „Am Tisch des Lebens“ erinnern und ganz freiwillig die besten Bissen liegen lassen.

Mein Fazit: ein Buffet kann ganz gut den Zustand unserer Welt aufzeigen!


Film

2.8.02026 5 (3)

Beitragsfoto: Willkommen

Vermischtes

Nicht nur das Käffchen mit Detlef Stern am Freitag war Entspannung pur, sondern auch das Europäische Frühstück am Samstag. Und weil es so schön war, gab es nachmittags noch eine Wohnungseinweihung in Stuttgart. Die sensibleren Exemplare von uns Menschen können am eigenen Leben Migration und seine Folgen erleben. Bei entsprechenden Vorträgen fragte ich immer gerne ab, woher die Großeltern der Anwesenden stammen — ein sehr kurzer Augenblick der Menschheitsgeschichte. Äußerst selten stieß ich dabei auf 1 000 Jahre Inzucht im selben Dorf.

Melanie Mühl gibt in der FAZ Tipps darüber, wohin man jetzt besser nicht mehr reist. Wir Menschen, die wir alle Migranten sind und somit das Reisen im Blut haben, machen meines Erachtens bei uns in der Westlichen Welt einen kapitalen Fehler, denn wir reisen meist nur noch um des Reisens willen — koste es, was es wolle! Ob wir dabei einzig aus schnöder Langeweile reisen, weil wir uns selbst nicht mehr ertragen können oder einfach nur deshalb, weil wir es unseren Nachbarn meinen beweisen zu müssen, was für tolle Hechte wir sind, ist unerheblich. Wir schaden nur uns und unserer Umwelt.

Jedes Reisen muss einen echten Sinn und Zweck haben. Und das muss jeder Reisende für sich selbst ausmachen. Nur um auch einmal, so wie Millionen anderer Menschen zuvor, dort gewesen zu sein, ist dabei zu wenig Begründung. Den Nachbarn neidisch gemacht zu haben wohl die allermeiste. Wenn man sich selbst nicht leiden kann, dann kann man sich auch auf dem Mars nicht wirklich mehr oder besser leiden! Und wer meint, Bildung zu besitzen, nur weil er auch am Nordpol war, der besitzt vielleicht alles, nur keine Bildung.

Ceuta

Wieder einmal kann man sehen, was es bedeutet, wenn man die Gegenküste nicht kontrolliert. Jene 50 bis 100 Millionen Euro, die unsere Politiker sparen wollten, indem sie den Arabischen Frühling verhungern ließen, haben uns schon heute unzählige Milliarden Euro gekostet.

Wen das Ganze etwas weiter interessiert, der kann gerne meine entsprechenden Blog-Beiträge vor ca. 12 Jahren herauskramen. Auch mein erstes Buch aus 2020 versucht das mit der Migration ein klein wenig zu erklären.

Dass sich aber jüngst um die 60 000 Menschen in ein paar Tagen nach Ceuta bewegten ist eine mehr als traurige Angelegenheit. Man spielt nicht mit Menschenleben! Wobei es bis heute den meisten verantwortlichen Politikern nicht um Menschenleben an sich geht, sondern diese wollen nur möglichst billig an Wählerstimmen gelangen. Dass dabei dann ein paar Hundert und vielleicht sogar Tausende Menschen sterben müssen, ist ein ganz normaler politischer Kollateralschaden.

Und je weiter diese Menschenleben vom eigenen Wahlkreis entfernt sind, umso weniger interessiert es unsere Entscheidungsträger. Zugegeben, deren Wählern ist dies ebenfalls völlig schnurz.

Und so wurde die damalige Chance des Arabischen Frühlings für Europa und den gesamten Mittelmeerraum nicht genutzt; die damaligen Politiker waren mehr als von ich selbst beeindruckt und ließen wirklich jeden wissen, dass man Probleme erst dann versucht zu lösen, wenn die Mehrheit der eigenen Wählerschaft davon existentiell betroffen ist.

Bisher haben wir Europäer auch die Einwanderungswelle 2015 und die Kriegsflüchtlinge 2022 halbwegs gut verkraftet. Und so gibt es insgesamt gesehen bei unseren Politikern, bis auf jene, die alleine wegen der Migrationsangst gewählt werden, noch keinen ernstzunehmenden Handlungsbedarf. Man macht meist zwar auch ein wenig auf Populismus und Fremdenhass, nimmt gerne dabei ein paar Wählerstimmen mit, aber ist selbst noch zu weit weg, um sich eigene Gedanken darüber zu machen, ob und wie man dieser Herausforderung am besten begegnen könnte.

Seit gut 200 000 Jahren wandern Menschen nach Europa ein und wir haben bis heute noch keine nennenswerte Willkommenskultur entwickelt. Das muss man erst einmal hinbekommen!

Zum Weinen

Ich weiß nicht mehr, ob ich lachen oder weinen soll. Seit der Wende lässt sich der Ausverkauf unserer bundesdeutschen Bildung nicht mehr leugnen und auch nicht mehr stoppen. Der dumme Bürger wurde zum Leitbild unserer Gesellschaft — der kleinste gemeinsame Nenner der beiden Deutschlands. Alle die auch nur im Ansatz dieser fürchterlichen Entwicklung entgegensteuern wollten, wurden verteufelt und kalt gestellt.

Und nun kommt es wie es kommen musste und von Anfang an auch abzusehen war. Selbst jene, die ihr gesamtes Berufsleben damit verbrachten kleine Kinder in den Brunnen zu schubsen, finden nun, dass Deutschland ein Bildungsproblem hat.

Aktuell beklagt die Chefin des Hamburger Oetinger Verlages die mangelnde Bildung und fordert einen „Elternführerschein“. Zugleich kritisiert Julia Bielenberg auch die Politik. Sie habe das Gefühl, wir sind vom Mittelmaß regiert. Guten Morgen Frau Bielenberg, wo haben sie die letzten Jahrzehnte gewohnt? Hamburg dürfte schon etwas länger hinterm Mond liegen.

Nicht umsonst haben die Vorgänger der heutigen Helikoptereltern bereits vor 50 Jahren ihre dümmsten Sprösslinge für einen Schulabschluss an die Küste geschickt. Die schlimmsten Fälle wurde dabei nach Westberlin verfrachtet. Was nun nicht bedeutet, dass es an der Küste keine intelligenten Menschen gab. Die gab und gibt es sicherlich auch heute noch — was erklären könnte, dass Schulnoten nun immer öfters besser als Eins sind. Was zur Folge hat, dass eine volle Punktzahl inzwischen als Mittelmaß angesehen werden muss — ein Einser-Abiturient halbwegs lesen und schreiben kann.

„Rituale sind für die Zeit was Dinge für den Raum sind.“

Detlef Stern (2.8.2026)

Violetta

13.7.02026 5 (4)

Beitragsfoto: Radio

Selbstverständnis

Der Größenwahn nimmt bei uns wahrlich kein Ende mehr. Die weltgrößten Parlamente und das größte Kanzleramt aller Zeiten sind uns inzwischen bei weitem nicht mehr genug. Nun darf auch der Bundespräsident sein in die Jahre gekommenes Prunkschloss für mindestens 1 Milliarde Euro aufhübschen lassen.

Nicht nur sollen alle Despoten dieser Welt vor Neid erblassen, sondern auch wir Steuerzahler müssen endlich wissen, wo bei uns in Deutschland immer noch oder schon wieder einmal der Hammer hängt: Adolfs Germania lässt grüßen.

Und wer jetzt von uns Bürgern schon wieder meckert, der verkennt ganz offensichtlich dabei, dass es schon 20 Jahre her ist, seit das Schloss Bellevue das letzte Mal saniert wurde. Und Donald Trump saniert doch auch immer wieder. Schulen und Kindergärten müssen da halt warten.

Übrigens, gute und verantwortliche Politik könnte man auch aus einer Barracke oder gar einem Zelt heraus machen. Wer allerdings nur protzen kann, der benötigt tatsächlich Prachtbauten, dicke Autos und einen Privatjet.

Mit ein klein wenig demokratischem Selbstverständnis würde ein Bundespräsident „sein“ Schloss einer dafür adäquateren Verwendung zuführen und seine administrativen Aufgaben aus einem Großraumbüro heraus erledigen. Und wenn er dann tatsächlich einmal gegenüber Despoten dieser Welt repräsentieren muss, haben unser Kanzler und dazu noch 16 Ministerpräsidenten mehr Prunkbauten als unser Land schon jetzt verkraften kann.

Bevor ich meinen Glauben nun noch ganz verliere, binge ich lieber eine Runde Good Omens. Bin mal gespannt, wie weit ich heute Nacht komme. Michael Sheen ist als Engel zwar sehr sehenswert, aber David Tennant ist als Dämon noch eine ganze Nummer besser.

Vermischtes

Sehr erfreulich, dass Chris Hammond im Vereinigten Königreich für die Hertensteiner Gespräche Werbung macht. Nun bin ich einmal sehr gespannt darauf, ob die Angeschriebenen sich die Mühe machen und im September aufs Festland kommen. Weder die originalen Hertensteiner Gespräche, noch jene in Luxemburg wären jemals ohne die Briten ein Erfolg geworden. Manche glauben noch daran, dass Tradition verpflichtet.

Gestern konnte ich einen Billardtisch in neue Hände geben. Mit dabei mein Queue samt Lederschatulle, den ich mir gegen Ende der 1980er-Jahre erspielt hatte; dafür musste ich einiges an Lehrgeld bezahlen, erhielt aber einen guten Einblick wie man als Billard-Hustler lebt.

Etwa ein Jahr später bekam ich noch einen Billardtisch in Turniergröße geschenkt, den ich leider nicht mitnehmen konnte, da ich nicht nur ausreichend Platz in meiner Unterkunft hatte, sondern der Tisch mit einer Marmorplatte als Basis auch viel zu schwer für die Umzugsunternehmen war, die mir immer wieder beim Umziehen halfen.

Gut zwanzig Jahre später versuchte ich während eines etwas längeren Auslandsaufenthalts erneut mein Glück, nur um festzustellen, dass man in Übung sein muss, um mitspielen zu können.

Was bleibt, das sind die schönen Erinnerungen an durchspielte Nächte und nun auch an den abgegebenen Billardtisch aus meiner Jugend, der später dafür verantwortlich war, dass ich nicht gleich jedes Spiel verlor.

Morgen ist dann etwas mehr los als es mir gefällt, von einem Termin zum anderen jagen und auch noch an die Hochschule, um eine Klausur zu beaufsichtigen. Für die Studenten ist nach der Klausur alles gegessen, ich hingegen darf diese dann auch noch korrigieren. Da ich weder Kanzlerkandidat noch Kaiserenkel werden möchte, darf ich als weiterhin arbeitender Bevölkerungsteil die Ergebnisse nicht auswürfeln, sondern muss gut 100 Klausuren lesen und bewerten. Wobei ich die neue Platte der Rolling Stones zur Gemütsberuhigung verwenden werde — geplant ist, dass sie rechtzeitig zur Korrektur geliefert werden wird.

Heute gucke ich mir zusammen mit dem meseno-Bus und einem Praktikanten dann wieder einmal die neue Brücke an, jene, die nun doch viel später fertig werden wird, weil man ganz plötzlich festgestellt hat, dass man auch Brücken im Vorfeld planen muss — bei uns aktuell etwa so vierzig Jahre im Voraus. Bei etwas größeren Projekten dürften es dann gut 100 Jahre Planungszeit werden — ich erinnere nur einmal an die Turmstraße.

Sollte Stuttgart 21 noch in diesem Jahrhundert fertig werden, dann können unsere Nachfahren mit Fug und Recht von einem neuen Weltwunder sprechen.

Man könnte aber auch unken und behaupten, dass die Deutsche Bahn mit ihren Videos über fehlgeschlagene Bauvorhaben inzwischen mehr als mit dem Personen- und Güterverkehr verdient. Rein aus unternehmerischer Sicht heraus lohnt es sich damit nicht mehr, diese Dienstleistungen überhaupt noch anzubieten.

Föderalismus

Leo Klinkers, den ich nun auch schon eine ganze Weile kenne und der mit Freiwilligen wie mir sogar einmal an einer eigenen Verfassung für Europa schrieb, hat nun ein neues Buch mit dem Titel „From the Darkness of Treaty-Based Cooperation to the Light of a Federal Europe“ geschrieben.

Er holt dabei ganz schön weit aus und bezieht sich auf keinen Geringeren als Johannes Althusius, den er zudem mit für den Föderalismus verantwortlich macht. Wir Europäische Föderalisten hatten uns allerdings bereits 1947 auf ein paar wenige „Verantwortliche“ geeinigt. Je tiefer man in der Geschichte gräbt, umso mehr Menschen findet man, die schon einmal ganz gute Ideen hatten. Die wirklich spannende Frage ist dabei, warum sich gute Ideen bei uns Menschen so schlecht durchsetzen.

Auch wenn es immer wieder interessant ist, was so alles vor ein paar Jahrhunderten geschah und auch wenn man durchaus aus Vergangenem lernen kann, so ist die Geschichte des heutigen europäischen Föderalismus um einiges jünger als es Leo Klinkers gerne hätte.

Wir Menschen blicken bestenfalls ein Menschenleben lang zurück und entscheiden dabei auch nur aufgrund eigener Bedürfnisse und Herausforderungen. Ein Grund, warum sich der Föderalismus kaum bei uns Menschen durchsetzen können wird, denn sobald sich seine positiven Auswirkungen auf uns Menschen bemerkbar machen, entfällt bei der großen Masse von uns die Bereitschaft und das Bedürfnis, um diesen Weg weiterzugehen — das Altbekannte wird wieder attraktiv und so wurstelt man lieber weiter am eigenen Untergang entlang.

Ein Punkt dürfte dabei aber greifen, in Gesellschaften wo Verträge und Abmachungen keine Rolle mehr zu spielen beginnen, können sich Staaten und Staatengemeinschaften, die auf Verträgen beruhen, nicht mehr lange halten.

Ob es nun aber Sinn macht, den Föderalismus auf das selbe gefühlte Niveau eines Nationalstaats zu senken, und dabei Hirn durch Bauch zu ersetzen, darf bezweifelt werden. Zwar kann man mit dem Bauch wunderbar ganze Nationen in den Untergang führen, aber, um sie aus dem Schlamassel wieder herauszuholen, bedarf es allerdings etwas mehr, z. B. Hirn, zumindest aber eine Gesellschaft, die sich wieder an Abmachungen und Verträge hält.

Unsere eigene Verbandsjugend, die Jungen Europäischen Föderalisten, haben den Bauchweg schon etwas länger beschritten. Gestern haben sie sich wieder einmal umbenannt, was man halt so macht, wenn man sich nicht mit Inhalten beschäftigen möchte.

Bald wird es sicherlich wieder einmal ein neues Logo geben und selbstverständlich schraubt man auch noch an den eigenen Verbandstrukturen herum. Allesamt Tätigkeiten, wo sich Bäuche so richtig schön austoben können — klappt auch in der großen Politik seit Jahren hervorragend.

Und dann fragen wir uns alle unisono, warum man keine Mitmenschen mehr von unserer Sache oder gar von unserer Demokratie begeistern kann? Menschliches Zusammenleben ist einfach mehr als bloß ein paar Ismen auszuleben — ganz egal welcher Art auch immer.

Viele Menschen wollen nicht nur alleine mit dem Bauch angesprochen werden, sie wollen sicherlich auch ein klein wenig eigenes Hirn mit einbringen können. Man muss uns auch nicht gleich damit überfordern, dass wir monatelang ganz neue Verfassungen entwerfen.

Und so war es unsere lokale Idee, mit den Hertensteiner Gesprächen eine Plattform zu bieten, die wirklich jedem die Möglichkeit zur Mitarbeit oder auch nur zum Mitdabeisein bietet. Fast jedem, denn für reine Bäuche ist es tatsächlich nichts.

Und nein, ich höre die Nachtigallen schon trällern, die Welt geht nicht alleine an uns alten weißen Männern zugrunde. Wir alle tragen unseren Teil dazu bei!

„Wilt thou be gone? It is not near day;
It was the nightingale, and not the lark,
That pierc’d the fearful hollow of thine ear;
Nightly she sings on yond pomegranate tree.
Believe me, love, it was the nightingale.

It was the lark, the herald of the morn,
No nightingale. Look, love, what envious streaks
Do lace the severing clouds in yonder east;
Night’s candles are burnt out, and jocund day
Stands tiptoe on the misty mountain tops.
I must be gone and live, or stay and die.“

William Shakespeare, Romeo and Juliet, Act 3 Scene 5