Zukunft

Erfolgsgeheimnis 4.8 (4)

Beitragsfoto: Zukunft | © mykedaigadget from Pixabay

Neben der Schrift und ihrem ganzen Drumherum ist es wohl die Fähigkeit in der Westlichen Welt gewesen, in der Kommunikation zwischen der Sach- und der Beziehungsebene zu unterscheiden.

Manche Älteren von uns erinnern sich noch an die demokratischen Titanen zu Anfang unserer Bundesrepublik, die sich in Bonn die größten und wildesten Wortgefechte lieferten, nur um sich im Anschluss wieder zum Kartenspiel und ein paar Alkoholika zu versammeln. Unbedarftere Zeitgenossen sahen dies als ein falsches Spiel an — weit gefehlt!

Selbst beim Militär wurde großer Wert darauf gelegt, geflissentlich die Unterschiede bei den Ebenen und Rollen zu bewahren — ganz besonders in der Kommunikation. Man schuf sogar eigene Zonen, um dort nach gewaltigen inhaltlichen Auseinandersetzungen die Beziehungsebene zu stärken; dort war es verboten, „den Dienst“ mit hineinzubringen. Allerdings konnte ich gerade dort über die Jahrzehnte hinweg den Zerfall unserer eigenen Kultur ganz gut miterleben.

Und so zerfällt so langsam aber sicher nicht nur das Schriftliche in unserer Gesellschaft, damit einhergehend zerfällt auch unsere Sprache immer weiter und ganz folgerichtig auch das Gehirn und Gedächtnis unserer Gesellschaft.

Sondern es ist es auch nicht mehr weiter verwunderlich, dass immer weniger Mitbürger zwischen einer inhaltlichen und einer Beziehungsebene unterscheiden oder gar die unterschiedlichen Rollen, die ein Mensch einnehmen kann, erkennen können oder noch erkennen wollen.

Allerorten werden notwendige Unterschiede nivelliert und auf dem Altar einer Gleichmacherei geopfert. Und so fällt es schon gar nicht mehr auf, dass man inzwischen Globuli und Hokuspokus neben immer wortgewaltigeren, aber nichtssagenden Anglizismen zur Wissenschaft verklärt und dafür ganze (Bildungs)Parks einrichtet.

Kommunikation findet fast nur noch auf der Beziehungsebene statt, die Rollen wurden bereits auf zwei reduziert: Verbraucher und Macher — was man auch immer darunter verstehen möchte — und wir müssen uns alle lieb haben, am besten in einer Unisex-Form. Am allerbesten aber unseren Großen Bruder, der bekanntlich dann auch schnell wechseln kann — was uns allen inzwischen aber völlig egal sein dürfte.

Denn wir schwimmen nun alle in derselben Suppe, einer Suppe, die bereits vorab ganze Gesellschaften in Afrika, der arabischen Welt und Asien ruinierte, und greifen sogleich verstärkt zum Messer, wenn einer einen nicht lieb hat: Wir sind alle gleich! Und wer nicht, der wird weggemetzelt.

Dabei waren es doch die kleinen, aber feinen Unterschiede, die unsere westlichen Gesellschaften erst zum Erfolg führten — und auch die Möglichkeit, aus seinem eigenen Leben das machen zu dürfen, was man selber wollte.

„Je nach der Lage des Staates und den Fügungen des Schicksals werden wir vorankommen oder auf der Strecke bleiben, jedenfalls werden wir tätig sein und nicht der Furcht unterliegen und dadurch in Reglosigkeit verfallen. […] Wenn du aber in eine weniger günstige Lage des Staates gerätst, musst du dich mehr ins Privatleben zurückziehen und dich mit der Wissenschaft beschäftigen, wie auf gefahrvoller Seefahrt sofort einen Hafen anlaufen, nicht auf deine Entlassung warten, sondern von selbst zurücktreten.“

Seneca, De tranquillitate animi V 4–5

Dorf

10.5.02024 5 (9)

Beitragsfoto: Dorf | © Philippe Mendel

Menetekel

Aus heutiger Sicht kann die Abstimmung am 10. Mai 1949, die Bonn gegenüber Frankfurt als Bundeshauptstadt den Vorzug gab, als schlechtes Omen nicht nur für die alte Bundesrepublik, sondern auch für die spätere Berliner Republik gesehen werden.

Man entschied sich mehrheitlich gegen die Moderne, den Fortschritt und die Vernunft. 1990 hätte man den Fehler wieder gutmachen können, sich aber erneut für eine blühende Vergangenheit entschieden, die es so nie gab.

Und auch heute träumen viel zu viele wieder von einer alten Größe, die es so nie gab. Man glaubt nun, wenn man die Wehrpflicht wieder einführt und zusätzlich Milliarden an Steuergeldern zum Fenster hinauswirft, dass sämtliche jungen Männer und Frauen zur Fahne eilen werden — ganz besonders unsere eigenen Fahnenflüchtigen, Drückeberger und Ersatzdienstleistenden lassen sich davon nicht mehr abbringen; jede Wette, dass deren Kinder bereits allesamt einen Freischein in der Tasche haben!

Man könnte aber auch das Problem fehlender Soldaten — denn die Menschen und unsere kaputte Gesellschaft ändern wir so schnell nicht — dadurch beheben, indem wir unsere Soldaten besser bezahlen, besser ausrüsten und wie echte Menschen behandeln. Das wird funktionieren und kostet uns dabei nur einen Bruchteil einer Wehrpflicht! Aber wie bereits geschrieben, man wird sich anders entscheiden und viele Berufspolitiker werden sich dabei dumm und dämlich verdienen.

Gespräche

Die beiden letzten Tage gab es gleich zwei sehr gute und spannende Gesprächskreise, beide mit gutem Essen kombiniert. Über die Steaks in den Warsteiner Stuben kann man wahrlich nicht meckern, aber der bisherige Wochenhöhepunkt war das ungarische Gulasch, das Franz Schirm gestern zauberte. Noch spannender mitzuerleben, wie sich die unterschiedlichsten Gesprächskreise über die Jahre hinweg verbinden; darüber hatte ich bereits geschrieben. Und so haben wir die künftigen Freie Wähler-Stammtische nun eine Woche nach hinten verschoben, um innerhalb eines Monats die verschiedenen Gesprächskreise besser zu verteilen.

Gleich heute geht es mit dem Europa-Aktionstag in Stuttgart weiter und im Anschluss verlege ich meinen Schwerpunkt nach München. Die kommende Woche wird etwas entspannter, zum einen konnte ich für meine Vorlesungsrunde externe Experten gewinnen — das wird zumindest für mich sehr spannend — und zum anderen hat die Volkshochschule vorgestern sehr kurzfristig meinen dortigen Vortrag abgesagt, da man festgestellt habe, dass ich als Freier Wähler-Vorsitzender für den Gemeinderat kandidiere. Manche leben einfach nicht nur hinter dem Mond, sondern gar hinter einem Trabanten eines völlig anderen Sonnensystems.

Aber auch der eine oder andere Gemeinderat dreht gerade hohl, man wirft uns Freien Wähler inzwischen vor, dass wir uns Dinge erlauben würden, die in ihren eigenen Parteien gang und gäbe sind. Kann man verstehen, muss man aber nicht. In gut 30 Tagen ist der ganze Spuk wieder vorbei, denn dann haben wir Heilbronner die alten Gemeinderäte wiedergewählt und so können diese sich erneut ganz beruhigt auf ihre bereits gebuchten Lustreisen konzentrieren — dann beißen sie wenigstens nicht mehr so wild um sich und geben ganz jovial bekannt, dass sie ihr eigenes Geschwätz von gestern nicht mehr interessiert. Der Hoffmann grinst sich weiterhin einen und die Heilbronner Probleme und Herausforderungen werden auf den nächsten Wahlkampf vertagt.

Als Demokrat akzeptiere ich die Entscheidung meiner Mitbürger und hoffe nur noch darauf, dass Heilbronn wenigstens stabile 50 Mbit/s bekommen wird. Zumindest ich werde mit zunehmendem Alter bescheiden, ach was wollte ich als Teenager noch alles in Heilbronn und der Welt verändern!

Erfreulich

Mir gefällt es, wenn Leser bei mir nachfragen, wo denn meine Blog-Beiträge blieben. Ebenfalls erfreulich, dass ich nach ca. zwei Stunden einen Telekom-Chatbot überlisten konnte und mit einem Berater verbunden wurde, noch erfreulicher, dass er mein Anliegen ernst nahm, die ca. 5 Mbit/s bestätigte und mir Hilfe anbot. So kann ich kommende Woche darauf hoffen, dass ein Techniker der Telekom bei mir vorbeikommt und versucht, meine zugesagten und von mir bezahlten 50 Mbit/s wieder herzustellen. Aktuell verkauft die Telekom einen neuen Anschluss nach dem anderen und vergisst völlig dabei, dass man dafür auch die eigene Infrastruktur ausbauen müsste — man meint wohl, man kann wie unsere Berufspolitik wirtschaften.

Im Falle, dass ich Ende kommende Woche wieder wenigstens einen Drittweltstandard an Internet habe, kann ich mit der internen Schadensbehebung beginnen, was mich gut zwei Wochen beschäftigen wird. Man müsste seitens des Staates, wie heute noch bei Handwerksbetrieben üblich, auch von Telekommunikationsunternehmen einen Mindeststandard an Kompetenz und entsprechende Nachweise fordern, denn billig Technik einkaufen und diese überteuert auf den Markt werfen kann jede Firma, zumal wenn sie sich das Monopol nur mit maximal drei weiteren Firmen teilen darf. Und so haben die Telekom-Mitarbeiter bis heute keinen blassen Schimmer davon, was sie durch ihre Inkompetenz in unserem Land überhaupt so alles an Schäden anrichten.

Auch erfreulich, dass endlich im Juni 2024 die Stadtbibliothek wiedereröffnet werden soll. Die Kosten dafür dürften völlig aus dem Ruder gelaufen sein — dort soll es u. a. eine der teuersten Teeküchen Heilbronns geben, was aber keinen stören sollte, da unsere Bürgermeister die Millionen schon immer sehr gerne für völlig Überflüssiges zum Fenster hinauswerfen.

Drollig nur, dass sich kurz vor der Gemeinderatswahl der Finanzbürgermeister von der Heilbronner Stimme als Sparfuchs feiern lässt und damit der CDU Wahlkampfhilfe leistet. Was man immer machen kann, wenn man dafür die gesamte Infrastruktur und Bildung unserer Stadt (originäre Haushaltsschwerpunkte) gegen die Wand fährt. Aber auch das stört keinen, denn damit haben bereits Helmut Kohl und Angela Merkel verlässlich Wahlen gewonnen.


Lesezeichen

Von innen mehr bedroht 4.8 (4)

Beitragsfoto: Lesezeichen | © kertlis von Getty Images

Ralph Bollmann | Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Der Westen ist von innen mehr bedroht als von außen“ (zuletzt aufgerufen am 5.1.2024, 10.35 Uhr)

Ein Interview mit Heinrich August Winkler

„Der Populismus ist für die Zukunft der Demokratie sogar noch gefährlicher als die Aggressionen Putins, sagt der Historiker Heinrich August Winkler. Dennoch gibt es etwas, das ihn hoffen lässt. …

Dass die Bonner Republik sehr viel erfolgreicher war als die von Weimar, das verdankt sie zu einem guten Teil dem anhaltend hohen Wirtschaftswachstum in den fünfziger Jahren. Danach hat die alte Bundesrepublik einige ökonomische Krisen erfolgreich bewältigt, von denen allerdings keine so schwer war wie die Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er-Jahre. Das hat dazu geführt, dass die Bundesrepublik im Laufe der Zeit auch als krisenfest galt. …

Nach dem Mauerfall hat die zuvor schweigende Mehrheit dann vor allem gefordert, dass die schnelle Wirtschafts- und vor allem Währungsunion kommt.“


Damit bestätigt Winkler zumindest m. E. die Ansicht, dass wir Deutschen eigentlich nur dann mehrheitlich Demokraten sind, so lange es uns besser geht als dem Rest der Welt.

Und sobald es uns wieder (vermeintlich) schlechter geht, diskutieren wir nur noch darüber, ob Josef Stalin (Georgier) oder Adolf Hitler (Österreicher) der bessere Deutsche sei und schlupfen jedem in den Hintern, der vorgibt, diese Herren ein wenig besser zu kennen.

Passend dazu auch die Erklärung Winklers, dass der Sozialneid der Ostdeutschen eigentlich aus deren Urlauben stammt, wo sie angeblich schlechter behandelt wurden als ihre westdeutschen Nachbarn. Damit haben sie eindeutig bewiesen, dass sie die „besseren“ Deutschen sind, denn Neid ist weiterhin unsere größte Stärke.