Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 4.8 (5)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Immer noch das Bild des letzten Blog-Beitrags im Kopf, muss ich einfach an ein Gedicht von Erich Kästner denken — manche Verknüpfungen lassen einen nur wundern. Dann aber wunderte ich mich sogleich darüber, dass ich dieses Gedicht nicht sofort im Weblog fand; es muss wohl einem „Update“ zum Opfer gefallen sein.

Warum die drei Männer überhaupt auf den Schienen entlang gehen, ist mir dabei durchaus bewusst; auch ich marschierte einmal mit einem Kameraden (10,6 Sekunden auf 100 Meter, allerdings auf der Tartanbahn) den Schienen entlang. Warum ich dabei aber auf das Gedicht von Erich Kästner „Das Eisenbahngleichnis“ komme, kann ich nun nicht so richtig nachvollziehen.

Aber egal, hier nun das Gedicht.

Das Eisenbahngleichnis

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug.
Und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft, ein andrer klagt,
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus, wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür herein
und lächelt vor sich hin.

Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus, die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit,
und keiner weiß, warum.

Die erste Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und spürt das sehr.
Die Mehrheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupé.

Erich Kästner, Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke (1936)

Das Gedicht wurde erstmals 1931 in der Zeitschrift „Simplicissimus“ veröffentlicht. Ich hoffe, es gefällt meinen Lesern so gut wie mir selbst.


Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 4.5 (6)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Der Regen plätschert so vor sich hin und ich durfte jüngst feststellen, dass die beiden Pflanzentröge in der Stadt, um die ich mich bereits seit ein paar Jahren kümmere, davon nichts mitbekommen. Dachte ich noch, dass mir der Regen einen Spaziergang erspart, so weiß ich jetzt, dass das auch für die inzwischen sehr robusten Pflanzen keine gute Idee war. Und so wird man mich künftig auch dann beim Pflanzengießen erwischen können, wenn es regnet.

Völlig unbedarfte Zeitgenossen werden dann vielleicht ihre Köpfe schütteln, jene mit etwas mehr entsprechender Erfahrung aber verstehend nicken. Und so bleibt das alte Indianersprichwort, dass man einen Mann erst dann beurteilen soll, nachdem man ein paar Schritte in dessen Mokassins zurückgelegt hat, weiterhin ein guter Ratgeber.

Gwendolyn Brooks sagte einmal ganz passend, dass „Bigness can be found in a little haiku, five syllables, seven syllables.“ Und so bin ich noch heute im übertragenen Sinne davon überzeugt, dass wer auch nur einen einzigen Blumentopf gießt, eigentlich damit einen ganzen Wald wässert. Die Leser meiner hier im Blog aufgeführten Gedichte werden sicherlich darüber nun etwas näher nachdenken wollen.

Jüngst lass ich bei einem Blogger, dass dieser nun ebenfalls Gedichte mit in seinen Blog aufnimmt; er versucht dabei sogar weitere Blogger zu animieren, über dieselben Gedichte zu bloggen und bittet seine eigenen Leser, diese Beiträge dann ebenfalls zu kommentieren — sozusagen eine Pan-Poem-Blog-Experience.

Ich bleibe weiterhin dabei, Gedichte nur dann hier im Blog vorzustellen, wenn ich dazu einen Anlass finde. Wohl wissend, dass dies nur einen sehr geringen Teil der Leser interessiert. Aber bekanntlich muss man nicht jeden Blog-Beitrag auch lesen.

Nun aber wieder zurück zu Gwendolyn Brooks und deren wohl bekanntestem Gedicht „We Real Cool“ aus 1959 — auch schon wieder eine ganze Weile her. Spannend dabei die Sprache, die bei uns erst so ab den 1970er-Jahren zu finden war. Und auch heute noch den einen oder anderen dazu motiviert, mit deren Worte zu spielen, wie z. B. Mick Jenkins in seinem Rap-Song „Gwendolynn’s Apprehension“, welcher auf „Pieces of a Man“ (2018) zu finden ist. Bereits 1973 zitierte Bruce Springsteen das Gedicht in „Rosalita (Come Out Tonight)“: „We’re gonna play some pool, skip some school | Act real cool, stay out all night, it’s gonna feel alright“.

We Real Cool

The Pool Players. 
Seven at the Golden Shovel.

We real cool. We
Left school. We

Lurk late. We
Strike straight. We

Sing sin. We
Thin gin. We

Jazz June. We
Die soon.“

Gwendolyn Brooks, The Bean Eaters (1960)

Mick Jenkins Platte „Pieces of a Man“ und Gwendolyn Brooks‘ Gedicht passen ganz gut zu meinem eigenen letzten Gedicht „Who am I“ aus 2011. Ich möchte dabei aber nicht den Eindruck erwecken, dass ich mein Gedicht mit großartiger oder auch nur mittelmäßiger Kunst vergleiche, mir gefallen nur die rein zufälligen Verknüpfungen oder auch nur Berührungspunkte zwischen den unterschiedlichsten Welten.

Wahre Größe findet man gem. Gwendolyn Brooks auch im Kleinsten und so bleibe ich weiterhin lieber dabei, ein paar Blumen zu gießen, jene im Wohnzimmerfenster sehen gerade sehr durstig aus … und dies, obwohl es draußen weiter regnet.

Es regnet weiterhin …


Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 5 (9)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Gleich morgen feiern wir den internationalen Tag der Pressefreiheit (World Press Freedom Day), denn seit 1994 wird jährlich am 3. Mai auf Verletzungen der Pressefreiheit sowie auf die grundlegende Bedeutung freier Berichterstattung für die Existenz von Demokratien aufmerksam gemacht.

Passend dazu ein Gedicht von Ludwig Uhland, Abgeordneter im ersten gesamtdeutschen Parlament, der Frankfurter Nationalversammlung, und im echten Leben Dichter aus Tübingen.

Der Dienst der Freiheit

Der Dienst der Freiheit ist ein strenger Dienst,
Er trägt nicht Gold, er trägt nicht Fürstengunst,
Er bringt Verbannung, Hunger, Schmach und Tod;
Und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst,
Ihm haben unsre Väter sich geweiht,
Ihm hab’ auch ich mein Leben angelobt,
Er hat mich viel gemühet, nie gereut.“

Ludwig Uhland, in Neue Wege: Beiträge zu Religion und Sozialismus (1934, band 28: 252)

Was nützt uns Menschen aber die Pressefreiheit, wenn es keine freie Presse mehr gibt? Viel zu schnell regulieren sich Journalisten von ganz alleine, was man durchaus verstehen kann, denn auch Journalisten haben ein Recht auf eine ausgewogene Work-Life-Balance oder ein möglichst bequem zu erlangendes Einkommen.

Und mit der Pressefreiheit ist es wie mit den anderen Freiheiten auch, diese benötigen immer Menschen, die sich um sie bemühen.