Kinderhaus

8.12.02024 5 (4)

Beitragsfoto: meseno-Kinderhaus

Weihnachten

Für den einen ist Weihnachten dieses Jahr früher als geplant oder beabsichtigt und für den anderen findet solch ein Ereignis überhaupt nicht statt. Zumindest für viele Geschäftsleute könnte Weihnachten das gesamte Jahr über andauern und so mancher Mensch wartet noch immer darauf, dass einmal Ostern und Weihnachten zusammenfallen. Bestimmt denken die einen oder anderen Gewerkschaften bereits darüber nach, dass man als Arbeitnehmer durchaus vor Weihnachten in den Urlaub gehen könnte und nach Ostern so langsam wieder zur Arbeitsstelle zurückkehrt — schließlich ist eine gute Work-Life-Balance essenziell und mit solchen Forderungen kann man seine eigene Klientel gut bei Laune halten. Die Arbeit machen schließlich immer andere — und in Zeiten von KI erledigt sich alles wie von selbst, auch Seminararbeiten werden inzwischen gerne von z. B. ChatGPT nicht nur geschrieben, sondern bereits auch korrigiert.

Letzten Freitag wurde ich zur meseno-Weihnachtsfeier eingeladen und bekam dabei deren Einrichtungen auch einmal abends zu Gesicht. Als wir später noch mit ein paar Mitarbeitern gemütlich beisammensaßen, war es mir fast weihnachtlich zumute.

Dabei wissen wir doch alle spätestens seit Ebenezer Scrooge, dass Weihnachten eine Lebenseinstellung und keine Feier ist — zumindest dies aber so sein sollte.

Augenarzt

In Syrien läuft es gerade für den einen oder anderen Despoten nicht so ganz rund. Der von Totalitaristen so gemochte Schlächter und Massenmörder Baschar al-Assad dürfte im Nahen Osten Geschichte sein. Der syrische Ministerpräsident Mohamed al-Dschalali spricht davon, einen geordneten Übergang zu ermöglichen — wohl vom Regen in die Traufe.

Noch sind die Türken und Iraner vor Ort und werden sich ihren Einfluss auch nicht mehr nehmen lassen. Zumindest aber die Russen scheinen sich vorübergehend aus Syrien zu verabschieden, denn in der Ukraine lässt es sich derzeit etwas einfacher morden und vergewaltigen.

Die Frage des Tages ist aber der Verbleib von Baschar al-Assad, wohl eher seinem geraubten Milliardenvermögen. Mich würde es nicht wundern, wenn es in München oder gar am Tegernsee bald einen Augenarzt mehr gibt.

Mancher Idealist glaubt aber eher daran, dass man nun den Verbleib von gut 100 000 Syrern klären könnte, die alleine während der Herrschaft von Baschar al-Assad einfach so verschwunden sind. Aber solch arme Menschen sucht man z. B. in Südamerika noch heute vergebens.

Mein Fazit daraus: wenn man schon verschwindet, dann besser zusammen mit einem so richtig dicken Bankkonto — zumindest kann man sich dann bei Bedarf auch einen Zahn- oder gar Augenarzt leisten.

Wicked Little Letters

Wer kennt Sie nicht diese kleinen E-Mail, die zu Hunderten auf einen einströmen und meist nur so von Obszönitäten strotzen — wir nennen dies heute nicht mehr kleine schmutzige Briefe, sondern einfach nur noch Werbung, genauer gesagt SPAM.

Im Gegensatz von noch vor gut 100 Jahren ist dieses Thema keine Debatte in den Parlamenten mehr wert, sondern es gehört zum ganz normalen Alltag, zur Geschäftspraxis erfolgreicher Unternehmen, die sicherlich auch noch die Kosten für ihre Beleidigungen und Belästigungen von der Steuer absetzen können, für den Fall, dass sie überhaupt welche bezahlen.

Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war dies im Vereinigten Königreich noch ein Thema und beschäftigte nicht nur die Presse, sondern wie gesagt auch noch die damaligen Volksvertreter. Was Thea Sharrock nun zu einem kleinen, aber feinen Kinofilm mit obigem Titel ummünzte und das Ganze zudem noch mit dem Thema der Emanzipation verband. Passend dazu, dass 1920, in der Zeit, wo der Film spielt, die Suffragetten die Männerwelt ebenfalls etwas aufwirbelten.

Damit dreht sich der Film „Wicked Little Letters“ aus dem Jahr 2023 genau um diese beiden Themen, die noch heute die Welt beschäftigen. Thea Sharrock schafft es dabei aber und dies im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleginnen, sich diesem Thema viel tiefgründiger zu nähern, als es unseren eigenen Frauenrechtsvertreterinnen überhaupt möglich wäre — manchmal hülfe es, das Ganze einfach auch mit einem Quäntchen Humor zu betrachten.

Im kleinen Küstenort Littlehampton erhalten die Einwohner die titelgebenden obszönen Briefe und fangen an, nach dem Absender zu forschen. Schnell fällt der Verdacht auf eine Außenseiterin, welche zudem nicht den damaligen Moralvorstellungen entsprochen haben dürfte. Jessie Buckley brilliert in ihrer Rolle als Rose Gooding und zieht auch noch an der richtigen Stelle blank, was übrigens einmal ihren Geschlechtsgenossinnen zu denken geben sollte, die weiterhin der Männerwelt lieber ihre chirurgisch aufgewerteten Körperteile entgegenstrecken.

Den Gegenpart übernimmt Olivia Colman als Edith Swan und es fällt mir schwer, eine von beiden Darstellerinnen als die bessere zu benennen. Aber auch die restlichen Schauspielerinnen sind eine gute Wahl und komplettieren das Ensemble hervorragend; jede von ihnen hätte eine Erwähnung verdient.

Im Gegenzug degradieren sie und dies sicherlich von Thea Sharrock auch so gewollt, ihre männlichen Gegenparts allesamt zu reinen Statisten. Mit einer einzigen Ausnahme, Timothy Spall gibt als Edward Swan einen zum Plot unbedingt notwendigen Bösewicht; er verkörpert dabei die altbackene Männerwelt ganz hervorragend und hält uns Männern — zumindest noch sehr vielen aus meiner Generation, die eigentlich Edward Swans Urenkel sein dürften — den Spiegel vor.

Thea Sharrock hat mit ihrem dritten Kinofilm gezeigt, dass sie nicht nur eine vielversprechende Regisseurin ist, sondern schon jetzt mit zu den besten gehört.

Meine Empfehlung ist eindeutig, man muss diesen Film gesehen haben.

„No one should believe that with the downfall of the dictatorship an ideal society will immediately appear.“

Gene Sharp (2012: 116)

Espresso

20.11.02024 4.1 (8)

Beitragsfoto: Kaffee | © StockSnap auf Pixabay

Vermischtes

Neben den üblichen Wochentätigkeiten wie der Fahrt mit dem meseno-Bus oder meinen Vorlesungen an der Hochschule, wobei letzteres ein sehr interessantes Gespräch mit Detlef Stern über Computersprachen, Betriebssysteme und das gute alte Bios sicherte, ist es aktuell die 71. Kreisversammlung der EUROPA-UNION, welche vorbereitet werden muss. Immer wieder spannend, ob wir dabei die Beschlussfähigkeit erreichen. Deshalb gucke ich gerne vorab, dass ggf. ausreichend Stimmübertragungen vorhanden sind, aber auch dies muss man organisieren.

Selbst wenn das Weltgeschehen weiterhin für Aufregung sorgt, die politische Lage Europas durchaus besser sein könnte und die Bundespolitik mit der bevorstehenden Bundestagswahl bei einigen Europäischen Föderalisten, jenen, die sich gerade mit viel Schwung in den Wahlkampf stürzen, für Herzrasen sorgt, so ist diese Kreisversammlung heuer dafür gedacht, den anwesenden Mitgliedern ein wenig Zusammenhalt zu vermitteln und vielleicht sogar für ein klein wenig vorweihnachtliche Stimmung zu sorgen. An Ereignissen und Veranstaltungen mangelte es der EUROPA-UNION Heilbronn auch dieses Jahr nicht, sodass sich die aktiveren Mitglieder ein wenig „ausruhen“ können sollen, bevor es gleich im kommenden Jahr wieder sehr spannend werden wird.

So werden wir kommenden Samstag das Jahr Revue passieren lassen, Mitglieder ehren und bereits ein klein wenig auf unsere Vorhaben 2025 blicken.

Städteranking

Über das Ranking der Wirtschaftswoche hatte ich bereits berichtet, erstmals als sich die Stadtverwaltung selbst auf einen der Spitzenplätze schrieb. Seither geht es mit den Plätzen für Heilbronn stetig bergab. Dazu merkt die Heilbronner Stimme (20.11.2024: 7) an: „Beim Dynamikranking als einem Bestandteil der Übersicht war Heilbronn 2018 die dynamischste Stadt im Südwesten, einige Jahre später dann sogar hinter München und Berlin bundesweit auf Rang drei. … Im Dynamikranking landet Heilbronn dieses Mal auf Platz 37.“

Dieser Platz stößt bei einigen Heilbronnern wohl auf Unverständnis, hätten wir doch in ein paar Jahren das IPAI. Vielleicht haben die Autoren aber auch nur auf die Turmstraße geschaut, die man selbst nach weit über vierzig Jahren nicht saniert bekommt.

1 000 Tage

Auch an mir gingen diese 1 000 Tage nicht spurlos vorbei, anfangs war ich u. a. beruflich bedingt sehr am Geschehen in und um die Ukraine herum interessiert. Da gab ich noch meine eigenen entsprechenden Kommentare bekannt, dies wird inzwischen gerne von professionellen Schwätzern ohne jegliche Kenntnis übernommen und man kann sich zudem vor Expertenmeinungen nicht mehr retten. So staune ich nur noch darüber was mich täglich in den Nachrichten erreicht und mehr darüber, was keine Nachricht mehr wert ist.

Der Mensch gewöhnt sich bekanntlich an alles und viel zu viele unserer Mitbürger sind inzwischen wieder zu ihrem ganz normalen Alltag zurückgekehrt. Auch die Politik, Regierung wie Opposition, hat das Ganze erneut ausgesessen und ist wieder einmal bereit, um die daraus resultierenden negativen Folgen als gottgegeben oder alle wieder einmal völlig überraschend zu verkaufen. Zudem nutzen viele Politiker die Gelegenheit, um politische Schnellschüsse zum Beginn des Krieges zum persönlichen Vorteil umzumünzen, ähnlich wie zuvor bei den Masken-Deals. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass sich inzwischen selbst das 100 Milliarden Euro Sondervermögen der Bundeswehr in Wohlgefallen aufgelöst hat.

Für mich ist nur eins noch überraschend, nämlich dass nach Donald Trump, Viktor Orbán, der AfD und dem BSW auch noch die SPD an ihrer Nibelungentreue zu Wladimir Putin festhält; aber auch in der CDU gibt es genügend Putinflüsterer. Wenn die Taurus Marschflugkörper überhaupt etwas Positives erreichen hätten können, dann noch vor der erneuten „Machtergreifung“ Donald Trumps und vor einem sich bald abzeichnenden Einfrieren des Krieges in der Ukraine. Wie bereits auch von mir mehrfach geäußert, gibt es dann nur einen einzigen Sieger, nämlich die Russische Föderation, die wieder einmal für Völkermorde und Kriegsverbrechen belohnt werden wird.

Schlimmer noch, spätestens nach 3 000 Tagen sind wir dann alle an der Reihe. Aber auch das wird von unserer Politik ausgesessen werden, denn deren Wähler sind derweil zu alt, um sich noch zu fürchten, oder zu dumm, um es überhaupt zu verstehen. Der Rest wird es sich in einer Diktatur wieder so richtig gemütlich machen, zumindest so lange bis wieder die Bäume aus den Dachrinnen wachsen und die Bananen erneut zum Luxusgut mutieren. Dann lässt man sich wieder von den verhassten Demokraten und deren „Schweinekapitalismus“ retten und dabei selbst als Widerstandskämpfer feiern.

Wer hat noch einmal behauptet, Geschichte würde sich nicht wiederholen?

„Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern [wie] eine kommende Generation weiterleben soll.“

Dietrich Bonhoeffer (2022: 14)

Gesprächskreis 2017

Gespräche 5 (4)

Beitragsfoto: Gesprächskreis 2017

Ich habe jüngst einmal wieder Nachrichten des ÖRR geguckt. Es liegt wohl an meinem Alter, dass ich deren Qualität immer weniger schätze. Aber für eines waren diese Nachrichten dann doch ganz gut, denn es zeigte wieder einmal, wie wenig noch echtes ehrenamtliches Engagement geschätzt wird.

Sämtliches dort erwähntes bürgerliches Engagement gab es nur deshalb, weil es erst mit Steuermitteln möglich gemacht wurde. Sämtliche ÖRR-Berichte bürgerschaftlichen Engagements strotzten nur so von staatlichen Förderungen — wäre man halbwegs ehrlich, müsste man es unter „vierter Arbeitsmarkt“ subsumieren.

Und so bin ich doch ein klein wenig stolz darauf, dass wir von der EUROPA-UNION in Heilbronn seit mehreren Jahrzehnten Veranstaltungen stemmen, die weder staatlich subventioniert werden noch sonstige Fördermittel erhalten — reines bürgerliches Engagement, ganz ohne Bezahlung, Entlohnung, Aufwandsentschädigung oder sonstige Begünstigungen.

Es gibt sie noch, jene Bürger, die einfach Dinge tun, ohne auch nur einen Cent oder eine sonstige Gefälligkeit an Gegenleistung zu erwarten.

Die letzten Monate haben wir uns um die nun kommenden 8. Hertensteiner Gespräche bemüht, ein Zusammentreffen von an Europa interessierten Bürgern, die an einem Tag möglichst intensiv und dabei auch möglichst umfassend über europäische Themen sprechen und diskutieren wollen. Unzählig dabei die Telefonate, E-Mail und Rundschreiben, welche dazu im Vorfeld getätigt und verfasst wurden.

Ernüchternd, wie groß der Einzugsbereich tatsächlich sein muss, um solche Gespräche überhaupt möglich machen zu können — wir bewerben diese inzwischen europaweit, wobei wir das Manko haben, dass diese weiterhin größtenteils in der deutschen Sprache stattfinden; Deutschland ist inzwischen hierfür alleine offensichtlich ein zu kleines Einzugsgebiet. Aktuell erwarten wir Teilnehmer aus Belgien, Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Spanien.

Ein wenig enttäuschend ist es, wie die lokale Politik, Medien und Verwaltung auf eine solche inzwischen europaweit wahrgenommene Veranstaltung reagieren. Wahrscheinlich haben deren Akteure einfach nur vor allem Angst, was nicht korrumpierbar ist und keine Leichen im Keller hat — was auf puren Nepotismus schließen lässt. Es kann aber auch nur sein, dass deren Ideologie alles ablehnt, was mit freiem Willen und Mündigkeit zu tun hat.

Umso mehr freuen wir uns auf alle Teilnehmer, die vor allem dann, wenn sie nicht aus Heilbronn oder dem Unterland kommend, keine Kosten und Mühen scheuen, um an diesen Gesprächen teilnehmen zu können. Um dies ein wenig besser zu verdeutlichen, es gibt mehr als 50 Menschen, die nicht nur ein ganzes Wochenende für diese Gespräche opfern, sondern auch noch die An- und Abreise, zwei Übernachtungen und die Tagungsgebühren aus der eigenen Tasche bezahlen.

Da haben es die Menschen aus dem Stadt- und Landkreis Heilbronn viel einfacher, sie müssen sich nur ein paar Stunden an einem Samstag freischaufeln und die Tagungsgebühr entrichten. Ich hätte mich sehr darüber gefreut, wenn mehr Heilbronner diese Möglichkeit zum Gedankenaustausch nutzen!

Manchmal liegt das Gute einfach so nahe, dass man es nicht wahrhaben möchte. Karl Schiller, ein ehemaliger SPDler, mahnte bereits 1967, dass „die Pferde wieder saufen müssen“; heute gerne als „Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie selber“ kolportiert.

Erkannt hatte dies bereits John Maynard Keynes: „We cannot, by international action, make the horses drink. That is their domestic affair. But we can provide them with water.“ (The Means to Prosperity, 1933: 27).

In diesem Sinne sind die Hertensteiner Gespräche ein Angebot der EUROPA-UNION, ein Angebot von ehrenamtlich tätigen Bürgern. Hingehen und mitmachen müssen unsere Heilbronner Mitbürger selber.

Schade nur, dass man hinterher wieder von vielen Mitbürgern hören kann, dass es keine guten politischen Veranstaltungen in der Nähe gäbe; etwa so, wie man als Heilbronner unbedingt zum Kleiderkaufen nach Mailand fahren muss, zumindest aber nach München oder Stuttgart.

„Nur wenige hält die Knechtschaft gefangen, die Mehrzahl hält an der Knechtschaft fest.“

Seneca, 3. Buch, 22. Brief (2018: 153)