Soldat

Über das Töten 5 (2)

Beitragsfoto: Soldat | © Pixabay

Bereits 1995 veröffentlichte Dave Grossman sein Buch „On Killing: The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society“, in welchem er unter anderem anführt, dass die heutige Zivilgesellschaft, dabei vor allem die Medien, durch die Adaption von militärischen Techniken, die den Soldaten das Töten erleichtern, die Mordrate vor allem unter den Jugendlichen gewaltig steigert.

Für einen Soldaten ist Grossmans Buch auf jeden Fall ein Must-Read, um sich mit dem „Töten und selbst getötet werden“ weiter auseinanderzusetzen.

Für die interessierte Öffentlichkeit, vor allem aber für Journalisten ist das Buch auch einen Blick wert, um das eigene Handeln gegebenenfalls doch etwas zu hinterfragen. Und dies, obwohl Grossman teilweise vorgehalten wird, dass seine Thesen wissenschaftlich nicht belegt sind und er die Sachverhalte undifferenziert und unzulässig verallgemeinernd darstellen würde.

Ich bin fest davon überzeugt, dass das Töten für die allermeisten von uns nicht sehr einfach ist, und selbst Soziopaten oder Psychopaten einen Anlass benötigen, um mordend durch unsere Lande zu ziehen.

Ich gehe weiterhin davon aus, dass solche Anlässe in jüngster Zeit von einigen Parteien und deren Politikern herbeigeredet wurden, um im Falle zumindest einer Unionspartei Prozentpunkte bei der Wählerschaft zu ergattern und im Falle der totalitaristischen Parteien, um unser demokratisches System insgesamt aus den Fugen zu heben.

Und diese von Teilen der Politik verbreitete „Endzeitstimmung“ wird sehr gerne von den Medien aufgegriffen und über alle Kanäle hinweg beständig in die Hirne unserer Mitbürger transportiert.

Inzwischen glauben alle politischen Ränder, sich für den Endkampf rüsten zu müssen, „Links“ und „Rechts“ ziehen immer öfters pöbelnd und randalierend durch die Straßen, und der demokratischen Mehrheit kommen immer mehr Zweifel, ob wir eigentlich noch die Mehrheit in unserem Land sind.

Politische oder politisch motivierte Morde, die wir bereits nach Baader und Meinhof bei uns für überwunden geglaubt hatten, sind inzwischen wieder „alltäglich“ geworden.

Ich glaube, es ist nun wirklich an der Zeit, dass wir die Weltuntergangsuhr in unseren Köpfen stoppen und wieder damit beginnen, an Lösungen zu arbeiten und dies auf der Grundlage unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Einem morbiden Charme kann man vielleicht im Kino oder an den Spielekonsolen erliegen, wobei Dave Grossman allerdings davon eher abrät. Aber im Alltag ist ein solcher für alle Beteiligten mehr als gefährlich.

„The link between killing and war is like the link between sex and relationships.“

Dave Grossman, On Killing (2009)
Kopflose Statue

Vom Sockel gestürzt 5 (1)

Beitragsfoto: Kopflose Statue | © Couleur auf Pixabay 

Ich erinnere mich noch an ein Streitgespräch mit Dieter Läpple vor dem Marrahaus in einer ganz anderen Sache, als wir auch noch auf sein Käthchen zu sprechen kamen. Dabei brachte ich wohl zum Ausdruck, dass mir dies ebenfalls nicht gefalle, was er einfach damit konterte, dass nur ein studierter Künstler Ahnung von richtiger Kunst haben könne.

Jetzt, da sein Werk aus dem Jahre 1965 umgefallen ist, und man sich Gedanken darüber macht, wie viel dem Steuerzahler eine Reparatur Wert sein muss, gebe ich zu bedenken, dass es sich in diesem Falle „nur“ um zeitgenössische Kunst handelt, deren Wert spätere Generationen sicherlich anders einschätzen werden.

Und wenn man jetzt noch bedenkt, dass auch Heilbronn nur über begrenzte Steuermittel verfügt, wäre es vielleicht ganz sinnvoll, späteren Generationen die Entscheidung über eine Reparatur zu überlassen – vielleicht halten Sie im Rückblick auch ein beschädigtes Käthchen für unsere Zeit sehr authentisch.

Auf jeden Fall lässt mich die Geschichte um die vom Sockel gestürzte Bronzestatue an ein Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer denken.

Der Marmorknabe

In der Capuletti Vigna graben
Gärtner, finden einen Marmorknaben,
Meister Simon holen sie herbei,
Der entscheide, welcher Gott es sei.

Wie den Fund man dem Gelehrten zeigte,
Der die graue Wimper forschend neigte,
Kniet’ ein Kind daneben: Julia,
Die den Marmorknaben finden sah.

“Welches ist dein süßer Name, Knabe?
Steig ans Tageslicht aus deinem Grabe!
Eine Fackel trägst du? Bist beschwingt?
Armor bist du, der die Herzen zwingt?”

Meister Simon, streng das Bild betrachtend,
Eines Kindes Worte nicht beachtend,
Spricht: “Er löscht die Fackel. Sie verloht.
Dieser schöne Jüngling ist der Tod.”

„I think making art comes from being a little allergic to society, not wanting to belong.“ 

Ragnar Kjartansson, The New Yorker (11. April 2016)

Poolparty

Sublimierung & Verdrängung 5 (3)

Beitragsfoto: Poolparty | © Shutterstock

Es muss auch für Dinge wie Rassismus, Nationalsozialismus, AfD und Pegida eine plausible Erklärung geben. Mein heutiger Erklärungsversuch nimmt dabei Anleihen bei der Psychoanalyse, die sich unter anderem mit der Sublimierung und Verdrängungsprozessen beschäftigt, denn Idiotie alleine dürfte als Erklärung bei Weitem nicht ausreichen.

Schon im Tausendjährigen Reich wurde darüber gemunkelt, dass die Nationalsozialisten ein schwieriges Verhältnis zur eigenen Sexualität haben, und wenn es selbst führenden Nationalsozialisten nicht gelang, z. B. ihre Homosexualität zu unterdrücken, wurden auch diese hemmungslos verfolgt und ermordet.

Und hier greift meines Erachtens die Psychoanalyse ganz gut, denn wenn man seine sexuellen Neigungen, ob völlig normal oder auch sehr abartig, nicht ausleben kann oder will, kommt es zu, für alle Beteiligten sehr schädlichen Verdrängungsvorgängen oder zu einer Sublimierung, welche sich im III. Reich zu einer Art Herrenrassenfantasie manifestiert hat, die wohl als Ersatz selbst für die schlimmsten vorstellbaren Sexualstörungen diente.

Wir alle können sehr froh darüber sein, dass dieser Spuk nach 12 Jahren vorbei war, aber müssen dabei auch berücksichtigen, dass zumindest unsere Mitbürger, die weitere 40 Jahre in der sowjetischen Besatzungszone lebten, nunmehr über Generationen hinweg keine Möglichkeit hatten, um diesem Teufelskreis von Unterdrückung und Verdrängung zu entkommen. Und die staatlich verordneten Heilungsversuche mit der Billigung von ein wenig Freikörperkultur schlugen genau so fehl wie bereits zuvor in den 1930er-Jahren.

Und als diese Generationen 1990 in eine „normale“ Gesellschaft entlassen wurden, ging man von dem irrigen Glauben aus, dass ein wenig Beate Uhse, Thailand- und Keniaurlaube alles wieder und ganz von alleine richten werden.

Wie wir nun gut 30 Jahre später aber erkennen müssen, lassen sich über 50 Jahre Sublimierung und Verdrängung nicht mehr so einfach rückgängig machen. Man muss sogar befürchten, dass diesen Menschen die eigene Sexualität völlig abhanden gekommen ist, und dafür ganz neue Gewaltfantastereien ihren Platz eingenommen haben, welche offensichtlich nur im „Rudel“ ausgelebt werden können.

Mögliche Heilungsansätze könnten der Aufruf: „Petting statt Pegida“, das Verteilen von kostenlosen Viagra-Tabletten und eine Neuauflage aller Klassiker der Sexualliteratur sein.

Prince aus dem Album Love Symbol (1992)

„I bet that if you threw that ass into the air it would turn into sunshine.“

Prince, Sexy MF (1992)