Gerhard Schröder

Wahlkampfgedanken 5 (2)

Beitragsfoto: Kanzler im Wahlkampf | © Shutterstock

Inzwischen sind wir alle wieder beim normalen Alltagstrott angelangt, und bereits jetzt haben sicherlich viele von uns erneut ihre guten Vorsätze für das Neue Jahr aus den Augen verloren — selbst COVID-19 blieb uns erhalten und wird uns auch noch eine ganze Weile beschäftigen.

Was wir alle aber aus dem jüngsten Umgang mit einer Pandemie gelernt haben ist, dass sowohl unsere Gesellschaft als auch die Politik nicht mehr für das Alltägliche gewappnet sind; die bisherigen Erfolge der europäischen Einigung haben uns alle zu Schönwetter-Menschen gemacht.

An sich eigentlich nichts Schlimmes, so lange man für den Regen gewappnet bleibt. Leider stellt sich nun heraus, dass wir das nicht mehr sind, und dies egal auf welchem Gebiet.

Diese Erkenntnis wäre sogar hilfreich, wenn wir mehrheitlich die richtigen Schlussfolgerungen daraus ziehen würden.

Leider klagen jetzt viele von uns bei der Politik ein, dass die Politiker ihre von Anfang an unhaltbaren Versprechungen einlösen und uns aus dem Regen holen — koste es, was es wolle!

Leider stellen auch immer mehr Mitbürger fest, dass die Politik damit überfordert ist, und beginnen, ihr Heil in so alten wie falschen Ideologien oder im Hokus Pokus zu suchen.

Leider flüchten sich zudem viele — zu meinem großen Erstauen auch jüngere — in das „nur weiter so“, ganz nach dem Motto: nach uns die Sintflut!

Damit kommen wir allesamt vom Regen in die Traufe, und nur für jene wird die Rechnung aufgehen, die ihr Lebensende vor dem notwendigen Kassensturz finden werden. 

Erstaunlich ist auch, vor allem wenn man auf die kommenden Wahlen blickt, dass viele von uns dabei an den altbewährten Kandidaten festhalten, aber zugleich darauf bauen, neue Lösungen präsentiert zu bekommen.

Wenn ich bei uns die Wahlplakate betrachte, werden wir wohl demnächst einen Landtag erhalten, der hauptsächlich aus Opas und Omas besteht, von denen sich einige rühmen, bereits seit Jahrzehnten an der Saarlandstraße zu bauen oder in den kommenden Jahren die letzten Ausbesserungen der Kriegsschäden bei der Eisenbahn nach Würzburg hinzubekommen. Viele der alt bewährten, wie ergrauten Politiker haben dabei zudem unsere ursprüngliche Absicht, der Schaffung eines Europäischen Bundesstaates, aus den Augen verloren, und einige sind inzwischen sogar davon überzeugt, dass dies ein Groß-Europa sein müsse, weil das Groß-Deutschland damals zu kurz gesprungen war. 

Unsere Welt dreht sich merklich immer schneller, damit summieren sich auch die Herausforderungen an unsere Zeit. Wir müssten deshalb so langsam erkennen, dass sich nichts zum besseren verändert, wenn man immer wieder dasselbe macht.

Ein erster Schritt wäre, endlich damit anzufangen und die Vereinigten Staaten von Europa von unten nach oben (Gemeinde bis Bundesstaat) und von innen nach außen (Kern bis Rand) aufzubauen, sowie die größten Mängel unserer Demokratien zu verbessern, wie z. B. Mandate und Amtszeiten zu begrenzen, damit möglichst viele und auch neue Lösungsansätze eine Chance erhalten, und Entscheider die Gelegenheit bekommen, zumindest die mittelfristigen Auswirkungen ihres Wirkens miterleben zu können; auf jeden Fall werden damit notwendige Projekte und Entscheidungen nicht mehr so einfach auf die lange Bank geschoben.

Ich möchte damit nicht dem Jugendwahn Tor und Tür öffnen, sondern rege an, dass man gut ausgebildeten und mitten im Leben stehenden Bürgern möglichst früh die Chance eröffnen sollte, ihre Zukunft auch politisch mitzugestalten. 

„What is it we all seek for in an election? To answer its real purposes, you must first possess the means of knowing the fitness of your man; and then you must retain some hold upon him by personal obligation or dependence.“

Edmund Burke, Reflections on the Revolution in France (1790)

Grüntee

Grüntee 5 (4)

Beitragsfoto: Grüntee | © Pixabay

Meine Liebe zum Tee begann bereits in den 1970er-Jahren als ich während eines Ceylon-Urlaubs den dortigen Tee kennen und lieben lernte. In Folge davon waren die Ceylon-Tees Jahrzehnte lang mein liebstes Heißgetränk. Die meist schwarzen Ceylon-Teesorten zeichnen sich dabei durch einen leicht malzigen, frischen und teilweise zitronigen Geschmack aus, wobei ich diese Tees stets und wohl aufgrund der Dosierung eher herb und stark getrunken habe. Dabei achtete ich besonders darauf, möglichst große Teeblätter verwenden zu können und goss den Tee sehr selten auch ein zweites Mal auf.

Während meiner Zeit in Polen machte uns dann Marek Ramus auf den grünen Tee aufmerksam und schaffte es, dass wir uns innerhalb von ein paar Monaten von Schwarztee- zu Grünteetrinkern weiterentwickelten. Und weil Marek den chinesischen Tee bevorzugte, gewöhnten auch wir uns an diesen. Erst Jahre später, als mich eine japanische Kollegin darauf aufmerksam machte, dass es durchaus auch guten japanischen Tee gibt, fingen wir an, auch ab und zu japanischen Tee zu probieren.

Im Gegensatz zum schwarzen Tee werden die Teeblätter beim Grüntee nicht fermentiert und wohl dabei auch aufgrund der unterschiedlichen Verarbeitung eher die Blätter der traditionellen chinesischen Teepflanze Camellia sinensis gegenüber der indischen Unterart Assamica verwendet, welche heute größtenteils eine Kreuzung beider Teearten sein dürfte.

Interessanter Weise nutzen wir von Anfang an aber immer die japanischen und meist gußeisernen Teekannen, um unseren Tee aufzubrühen. Da diese zudem gut aussehen, fingen wir an, für jede Teesorte eine eigene Kanne zu nutzen.

Aber noch heute trinken wir eher die chinesischen Sorten, welche blumiger und teilweise rauchig herb schmecken. Die japanischen Tees schmecken eher grasig und meines Erachtens teilweise sogar fischig.

Inzwischen haben wir uns auch an den indischen Darjeeling gewöhnt, den wir gerne als grünen oder weißen Tee trinken, und der unserer Meinung nach ganz gut zum Oolong passt.

Der chinesische Oolong ist seit ein paar Jahren zu unserem großen Favoriten (Yánchá) geworden, wobei wir auch den Chun Mee ganz gerne trinken. Ich persönlich trinke dann noch den Pu-Erh, ein gut gelagerter Oolong, welcher auch gerne eine schlammige Note haben darf.

Übrigens, der allseits bekannte Jasmintee ist ein Grüntee, welcher bei der Herstellung mit Jasminblüten vermischt wird, wobei zum Schluss diese wieder aus dem Tee entfernt werden.

„Ob ich morgen leben werde, weiß ich freilich nicht. Aber daß ich, wenn ich morgen lebe, Tee trinken werde, weiß ich gewiß.“

Gotthold Ephraim Lessing, Die Gewissheit (1771)

Buchseite aus 1984

Neusprech 5 (6)

Beitragsfoto: Buchseite aus 1984 | © George Orwell

1949 war das „Newspeak“ von George Orwell noch eine reine Vorahnung auf das, was uns Menschen noch bevorstehen wird. Auch wenn sich Orwells Befürchtungen bisher nur in Ansätzen und auch nicht in allen Ländern dieser Welt durchgesetzt haben, so muss man doch eingestehen, dass sein Neusprech immer mehr an Bedeutung gewinnt und dessen Einführung in vielen Sprachen — ganz besonders im Deutschen — immer weiter an Schwung aufnimmt; wahrscheinlich hilft uns Deutschen dabei die generelle Affinität zu allem Totalitären — deswegen ist das Neusprech gerade auch bei unserer Jugend so sexy!

Das Neusprech ist inzwischen die Bezeichnung für Sprachformen oder sprachliche Veränderungen, welche unsere Sprachen manipulieren und ganz bewusst so ändern, dass damit Tatsachen verborgen werden oder rein ideologische und damit die politischen Ziele der Befürworter des Neusprechs verschleiert werden können. Darüber hinaus sollen durch eine regelrechte Sprachplanung und eine durch die Politik veranlasste Sprachveränderung sämtliche sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten beschränkt und letztendlich damit auch die Freiheit des Denkens aufgehoben werden.

Angefangen hat diese Entwicklung mit den Spracheuphemismen, wobei die „Raumpflegerin“ oder das „Verteidigungsministerium“ noch zu den erträglicheren Veränderungen gehören, die tatsächlich aber rein der Tatsachenverschleierung dienen.

Schlimmer wurde es als man damit begann, aus fast jedem Hilfsarbeiter einen Assistent Manager zu machen oder getreu dem Motto einer heute noch bekannten Volkspartei „Bildung darf nicht anstrengen!“ sämtliche Bildungsabschlüsse ad absurdum führte.

Von da aus war es nicht mehr weit, um durch Sprachverbote — genauer gesagt durch das Verbot, bestimmte Wörter in unserer Sprache zu benutzen — die deutsche Sprache und das damit einhergehende Denken weiter einzuschränken.

Etliche Kinderbücher dürfen inzwischen nicht mehr vorgelesen werden, bevor sie nicht sprachlich angepasst wurden — und damit meine ich nicht an die derzeit gültige Rechtschreibung.

Inzwischen werden schon Normalbürger regelrecht kriminalisiert, nur weil sie an ihrer Muttersprache und althergebrachten Begrifflichkeiten oder gar gesellschaftlichen Konventionen festhalten.

Der krönende Abschluss, um unser Deutsch völlig durch das Neusprech zu ersetzen ist nicht, dass es inzwischen nur noch den Infinitiv, den Nominativ und den Akkusativ gibt, sondern dass man nunmehr auch dem grammatikalischen Geschlecht der Nomen den Garaus macht.

Das Drollige dabei ist die Begründung, dass man damit den Sexismus ausrotten möchte, wobei dieser doch gerade auch in jenen Sprachen vorhanden ist, deren Nomen über kein grammatikalisches Geschlecht verfügen; dies ist dann aber auch der Beweis, dass es den Befürwortern des Neusprechs nicht um Emanzipation oder Mündigmachung der Bürger geht, sondern gerade um das Gegenteil, nämlich durch sprachliche Veränderung dem Totalitarismus die Steigbügel zu halten.

Niemals hätte ich daran gedacht, dass wir uns, indem wir uns immer weiter vom Jahr 1984 entfernen, damit zugleich auch immer weiter an dasselbe annähern.

Bei George Orwell mussten noch Eurasien und Ostasien als Sündenböcke herhalten, um den „Großen Bruder“ zu lieben, bei uns reicht bereits das grammatikalische Maskulinum aus, um einer ganz neuen alten Welt den Weg frei zu machen.

„But it was all right, everything was all right, the struggle was finished. He had won the victory over himself. He loved Big Brother.”

George Orwell, Nineteen Eighty-Four (2009: 1175)