Heilbronner Flagge mit Wappen

Wahlaufruf 5 (1)

Beitragsfoto: Heilbronner Flagge mit Wappen

Wenn Heilbronn ein Dorf wäre, ja, dann könnte man das Ganze noch verstehen. Dann hätte auch jeder dafür volles Verständnis, wenn der nette Herr oder die nette Dame aus dem Ort, die seit Jahrzehnten ehrenamtlich (ergo: ohne Bezahlung!) im Dorf unterwegs ist und die letzte Wahl zum Bürgermeister auch deshalb gewonnen, und dann als Bürgermeister eine gute Arbeit abgeliefert hat, ja dann, wenn gerade dann alle Fraktionen im Gemeinderat sowie auch sämtliche Vereine im Ort, sich für eine Wiederwahl aussprächen und den Amtsinhaber bitten würden, diese Arbeit weiterhin auf sich zu nehmen.

So etwas geschieht auch immer wieder in vielen Dörfern und auch Kleinstädten Land auf und Land ab. Das Problem bei uns in Heilbronn ist, dass wir weder ein Dorf noch eine Kleinstadt sind, und sich deshalb unsere Stadtpolitik schon längst vollständig professionalisiert hat. Die Heilbronner Bürgermeister gehören zu den bestbezahlten Berufspolitikern des Landes, und auch der Gemeinderat ist schon längst kein Gremium mehr, wo sich ehrenamtlich tätige Bürger um ihre Stadt kümmern.

Deshalb darf — ja muss! — der Bürger von seinen gewählten Volksvertretern, ob OB oder Gemeinderat, fordern, dass diese für teueres Geld auch bestmögliche Leistung bringen. Und gerade deshalb macht man in einer Großstadt auch nicht den netten Herrn von der Blaskapelle vor Ort zum OB, sondern sucht sich den bestmöglichen Verwaltungsfachmann mit ausgewiesener Expertise oder einen, in einer etwas kleineren Stadt bereits gut bewährten, Bürgermeister aus — an der Bezahlung dürfte es in Heilbronn nicht scheitern.

Und da wir in einer vielfältigen Stadt leben, die auch über, zumindest auf dem Papier, unterschiedliche Parteien und Wählergruppen verfügt, die jede eigene Vorstellungen über das Weiter so! haben sollte und vielleicht auch die eine oder andere darunter ist, die Heilbronn und nicht nur einzelne Personen tatsächlich voranbringen möchte, müssten in einer funktionierenden Demokratie vor Ort den Bürgern mindestens zwei passable Kandidaten zur Auswahl angeboten werden können.

Am Sonntag, 6. Februar 2022 stehen in Heilbronn nunmehr die 10. Wahlen eines Oberbürgermeisters nach dem Zweiten Weltkrieg an — eigentlich das bürgerliche Hochfest der Demokratie! Und anfangs, im Jahr 1948, waren auch über 86% der Heilbonner davon überzeugt und gingen wählen.

Ergebnisse der Heilbronner Oberbürgermeisterwahlen und meine Einschätzung der Amtsträger

(1) 23. 5. 1948: Wahlbeteiligung 86,6 % –> Paul Meyle | 4 von 5 Punkten

(2) 9. 5. 1954: Wahlbeteiligung 64,9 % –> Paul Meyle | 4 von 5 Punkten

(3) 21. 5. 1967: Wahlbeteiligung 82,0 % –> Hans Hoffmann | 3 von 5 Punkten

(4) 8. 6. 1975: Wahlbeteiligung 62,4 % –> Hans Hoffmann | 2 von 5 Punkten

(5) 11. 9. 1983: Wahlbeteiligung 67,0 % –> Manfred Weinmann | 3 von 5 Punkten

(6) 15. 9. 1991: Wahlbeteiligung 51,6 % –> Manfred Weinmann | 3 von 5 Punkten

(7) 27. 6. 1999: Wahlbeteiligung 51,6 % –> Helmut Himmelsbach | 4 von 5 Punkten

(8) 17. 6. 2007: Wahlbeteiligung 31,6 % –> Helmut Himmelsbach | 4 von 5 Punkten

(9) 16. 3. 2014: Wahlbeteiligung 39,0 % –> Harry Mergel | 2 von 5 Punkten

(10) 6. 2. 2022: Wahlbeteiligung ??,? % –> Harry Mergel

Der Vollständigkeit halber muss man noch erwähnen, dass man morgen die Wahl zwischen dem Amtsinhaber und einem für Demokraten unwählbaren Kandidaten sowie einer Kandidatin ohne jegliche Chance hat.

Die Verantwortung dafür tragen Bündnis 90 / Die Grünen und die CDU, die sich ihrem eigentlichen politischen Gegner (SPD) auf erbärmliche Weise andienern — aber, was macht man nicht alles fürs Geld?

Die FDP, die Linke und die Fraktion der Freien Wähler machen gute Mine zum bösen Spiel, was man diesen aber auch nicht positiv anrechnen sollte.

Und viele von uns Wählern, die dieses Spiel der Hinterzimmer schon länger mitverfolgen, fragen sich, warum man überhaupt noch zur Wahl schreiten sollte, die doch — ohne tatsächliche Entscheidungskompetenz — zu einer reinen Farce verkommen ist.

Die sinkenden Wahlbeteiligungen können als Hinweis dafür dienen. Den Hinweis von so manchen Parteimitgliedern, dass der Wähler „nur dumm und faul“ sei, lasse ich in diesem Falle nicht gelten. Dies ist einfach nur eine verständliche Reaktion von Bürgern, die sich gegenüber dieser Klüngel hilflos fühlen.

So lange es aber bei uns noch freie und geheime Wahlen gibt, sind wir Bürger keineswegs hilflos! Man geht doch als Bürger auch nicht einfach in eine Kneipe und isst und trinkt dort einfach alles, was einem aufgetischt wird — zumal man doch die gesamte Zeche zahlen muss, oder?

Deshalb

  • gehen Sie morgen wählen! Auf alle Fälle und machen notfalls Ihren Stimmzettel ungültig, aber besser noch: geben Sie der „Kandidatin ohne Chance“ Katharina Mikov, doch eine solche, auch wenn nur eine klitzekleine!
    Damit setzen Sie als Bürger ein erstes Zeichen, nämlich, dass mit uns Bürgern wieder zu rechnen ist — man also auch mit uns rechnen muss!
  • und machen Sie bei der kommenden Gemeinderatswahl mit dieser Heilbronner Hinterzimmerpolitik Schluss, in dem Sie die Kandidaten wählen, die sich auch für unser Heilbronn und uns Bürger einsetzen.
  • strafen Sie gerade jene Parteien und Kandidaten ab, die Ihnen bei dieser OB-Wahl eindeutig vor Augen geführt haben, dass es diesen nur um die eigenen Pfründe geht.
  • denken Sie bitte immer daran, dass Heilbronn eine Großstadt ist, und wir deshalb auch Profis wählen und keine Amateure; zumindest aber Amateure, die wie Profis arbeiten und dann auch ihr Geld wert sind!

Morgen

dürfen von über 120 000 Heilbronner gut 88 500 Heilbronner über den nächsten Oberbürgermeister entscheiden.

Diese Heilbronner entscheiden auch für knapp 30 000 Heilbronner mit, die nicht wählen dürfen und auf Gedeih und Verderb auf die Entscheidung der Wahlberechtigten angewiesen sind.

Und merken Sie sich auf alle Fälle das Folgende:

Wer in einer Demokratie nicht wählen geht, der zählt auch nicht!

Wie und wen darf ich wählen?

Sie haben eine Stimme und können mit dieser einen der drei aufgeführten Kandidaten wählen. Sie dürfen aber auch eine vierte Person in den Stimmzettel eintragen (freie Stelle auf dem Stimmzettel).

Damit ihre Stimme damit gültig ist, muss die dort eingetragene Person auch wählbar sein — also Heilbronner im wahlfähigen Alter. Zudem muss diese Person eindeutig identifizierbar sein. „Thomas Müller“ langt z.B. nicht, da es davon in und außerhalb Heilbronns bestimmt mehrere gibt. Hier böte sich an, die Straße oder den Beruf mit anzugeben.

Allerdings gebe ich zu bedenken, dass ein Kandidat, der gewählt werden kann und dann auch wurde, zum Schluss die Wahl annehmen muss. So wäre alles umsonst, wenn der Heilbronner Thomas Müller zwar 51% der Stimmen bekäme, dann aber die Wahl nicht annimmt — was durchaus verständlich wäre, da er ganz offensichtlich auch nicht kandidiert hat.

„Wir würden alle sehr gerne den besten Mann wählen.
Aber er ist nie ein Kandidat.“

Das Zitat wird Kin Hubbard zugeschrieben.

Bücher

Bücherstapel 5 (4)

Beitragsfoto: Bücherstapel | © Pixabay

Es freut mich immer wieder, wenn ich Reaktionen auf meine Weblog-Beiträge erhalte. Und so hat sich jemand nach meinem Bücherstapel neben meinem Lieblingsplatz im Haus erkundigt.

Ganz folgerichtig liegen dort auch nur die Bücher, die ich freiwillig lesen möchte, gerade lese oder auch noch nicht weggegeben bzw. verräumt habe. Die Bücher, die aus beruflichem Interesse heraus lese oder, aus irgendwelchen Gründen auch immer, lesen muss, liegen weiterhin in meinem Büro.

Aber nun zu meinem aktuellen Bücherstapel neben meinem derzeitigen Lieblingsplatz im Haus.

Jaron Lanier, Ten Arguments For Deleting Your Social Media Accounts Right Now (2018)

Dieses Buch hatte ich bereits vor Kurzem erwähnt und Detlef Stern hat darüber 2018 einen Tweet verschickt auf den er mich jetzt aufmerksam machte — so werde ich nun durch die, von mir bereits markierten Stellen gehen und nochmals darüber nachdenken.

Bill Gates, How To Avoid A Climate Disaster (2021)

Auch dieses Buch fan bereits Erwähnung, nun muss ich noch gucken, ob ich das eine oder andere Zitat aus dem Buch hier in mein Weblog übernehme.

David Epstein, How Generalists Triumph in a Specialized World (2019)

Man muss auch einmal Bücher lesen, von denen man glaubt, dass man dieselbe Meinung wie der Autor hat. Und dabei gucken, wie er dies formuliert oder ob es weitere gute Argumente gibt.

Daniel Kahneman, Thinking, Fast and Slow (2011)

Schon der Titel hat mich neugierig gemacht …

Benjamin R. Barber, If Mayors Ruled The World (2013)

Ein re-Read, wobei ich gespannt bin, ob das Buch nun nach fast 10 Jahren noch seine Aussagekraft beibehalten hat. Inzwischen haben doch so etliche Bürgermeister ihren Nimbus voll und ganz verloren.

Joseph Henrich, The Weirdest People in the World (2020)

Dieses Buch hatte ich ebenfalls bereits erwähnt und kaue immer noch daran herum, so wird es wohl noch etwas länger auf dem Stapel liegen.

Kirian Klaus Patel, Projekt Europa (2017)

Auch dieses Buch wird noch eine Weile auf meinem Stapel liegen, da ich noch das eine oder andere Zitat verwenden möchte.

Frankfurter Hefte, Ach, Europa! (2020)

Ein Buch, in das ich schon etwas länger immer wieder hineinlese. Da es sich dabei um mehrere Autoren und Blickwinkel handelt, bietet sich dies dazu ganz gut an.

Frankfurter Hefte, Migration und Integration (2020)

Ein weiteres Buch, in das ich mit der selben Begründung schon etwas länger immer wieder hineinlese.

Sarah Bakewell, Das Café der Existenzialisten (2015)

Ein faszinierendes Buch, welches ich schon länger immer wieder in die Hand nehme und dessen Anmerkungen mich an Bücher denken lassen, die eigentlich schon länger auf meinen Stapel gehören.

Und ein, zwei weitere Bücher, die meine besser Hälfte wohl entführt hat und deshalb bestimmt in einem anderen Zimmer zu finden sein, oder demnächst wieder auf meinem Stapel auftauchen werden.

„I read my eyes out and can’t read half enough. … The more one reads the more one sees we have to read.“

John Adams, in einem Brief an Abigail Adams (28. Dezember 1794)

Lesezeichen

Reserven | Parlamentarische Verkastung | Social Media 5 (3)

Beitragsfoto: Lesezeichen | © kertlis von Getty Images

Warum gehört Deutschlands größter Gasspeicher Gazprom?

Florian Güßgen stellte sich am 28. Januar 2022 genau diese Frage in der Wirtschaftswoche. Dabei stellt er zwei Dinge fest, nämlich erstens eine „dramatische Abhängigkeit der Deutschen von Putins Gas“ und zweitens, dass Parlament und Regierung schon sehr lange vor dieser Entwicklung gewarnt wurden. 

Aber was wollen wir denn auch anderes erwarten, wenn sich Putin seit Jahren in die deutsche Politik einkauft, neben Gerhard Schröder, der nun seit längerem einen sehr lukrativen Job in Russland hat, gibt es weitere — auch noch aktive — Politiker, die für ihre „Dienstleistungen als Berater“ entlohnt werden oder Wahlkampfhilfen erhalten.

Norbert Rötgen sieht dies als Vertreter einer, an dieser Misere hauptverantwortlichen, Partei allerdings etwas anders: „Wir haben die Abhängigkeit und die sicherheitspolitischen Risiken, die aus dieser Beziehung entstehen, unterschätzt.“ (Wirtschaftswoche, 28.01.2022)

Ich wette, dass, sobald die Speicher völlig leer sind, alle dafür Verantwortlichen darauf bestehen werden, dass sie von all dem überhaupt nichts gewusst haben, aber dann auf alle Fälle ganz genau „die Sündenböcke“ dafür benennen können — die US-Amerikaner tun mir jetzt schon leid.

Hier finden Sie den entsprechenden Artikel in der Wirtschaftswoche:

https://www.wiwo.de/unternehmen/energie/gefaehrliche-abhaengigkeit-warum-gehoert-deutschlands-groesster-gasspeicher-gazprom/28014654.html


Politiker ohne Berufsabschluss dürfen nicht zum Normalfall werden

Er spricht mir dabei aus dem Herzen und greift ein Thema auf, das ich schon seit Jahren hier in Kümmerles Weblog immer wieder anspreche.

Oliver Maksan stellt am 1. Februar 2022 in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) fest: „die neuen Grünen-Vorsitzenden Ricarda Lang und Omid Nouripour haben weder Studien- noch Berufsabschluss. Das Phänomen gibt es auch in anderen Parteien.“ und stellt sich deshalb u. a. die Frage: „Doch mit welcher Glaubwürdigkeit wollen solche Politiker für den Aufstieg durch Bildung werben?“

Oliver Masken schließ seinen Beitrag mit den folgenden Worten: „Dennoch sollte der nahtlose Übergang von Parteistrukturen in das Parlament nicht zum Normalfall werden. Sonst droht die parlamentarische Verkastung.“ — Dabei ist es schon längst fünf vor Zwölf!

Hier finden Sie den entsprechenden Artikel in der NZZ:

https://www.nzz.ch/meinung/der-andere-blick/ricarda-lang-und-omid-nouripour-politiker-ohne-berufsabschluss-ld.1667402


Ten Arguments For Deleting Your Social Media Accounts Right Now

Von Anfang an nutze ich selbst alle möglichen Arten von Social Media, aber auch von Anfang an war ich immer hin und her gerissen, ob das den auch das Richtige sei! Zumal schon sehr früh absehbar war, dass es dabei nicht um eine möglichst gute Kommunikation untereinander geht, sondern um die größtmögliche Vermarktung der Nutzer.

Anfangs habe ich mich deswegen auch immer wieder selbst im Kreieren solcher Websites versucht, um ein möglichst ethisch korrektes und der Kommunikation dienliches System anzubieten — der Markt hat dabei sämtliche meiner Versuche abgestraft.

Vor einiger Zeit hatte ich wieder einmal damit angefangen, meine noch vorhandenen Accounts auszudünnen. So trifft es sich jetzt ganz gut, dass mir Konstantin Kümmerle das Buch von Jaron Lanier aus dem Jahr 2018 mit dem Titel „Ten Arguments For Deleting Your Social Media Accounts Right Now“ neben meinen Laptop legte.

Schon alleine, um überhaupt eine Chance zu haben, halbwegs mit dem bereits vorhandenen Bücherstapel neben meinem Lieblingssitzplatz fertig zu werden, musste ich sogleich meine letzten Facebook-Seiten zur Löschung freigeben. Und sobald diese im digitalen Nirvana verschwunden sind, wird auch mein entsprechender Account folgen. Abschluss wird dann die Korrektur des diesbezüglichen Weblog-Beitrages sein.

Noch offen lasse ich die Frage, ob ich dann auch noch meine Twitter und Linkedin Accounts lösche.

Jaron Laniers 10 aufgeführte Argumente sprechen für sich, wobei man nicht jedem Argument selbst auch folgen muss. Sein erstes Argument, dass die Sozialen Medien den freien Willen zerstören, dürfte das wohl ausschlaggebendste sein, wobei doch so einige Wissenschaftler inzwischen daran zweifeln, ob es überhaupt so etwas wie einen freien Willen überhaupt gibt.

Sein 7. Argument dürfte für die meisten Leser das am nachvollziehbarsten sein: die Sozialen Medien machen die Nutzer unglücklich. Auf jeden Fall aber empfehle ich jedem, sich mit den zehn Argumenten Laniers auseinanderzusetzen. Ob Sie sich dann auch von Ihren lieb gewonnene Accounts trennen oder nicht, bleibt Ihre eigene Entscheidung — gehen wir einmal davon aus, dass es so etwas wie eine eigene Entscheidung auch bzw. noch gibt.

Das Buch hat 146 Seiten und ist sehr schnell gelesen; liegt also nicht so lange auf dem eigenen Bücherstapel.

„Addiction gradually turns you into a zombie. Zombies don’t have free will. Once again, this result isn’t total but statistical. You become more like a zombie, more if the time, than you otherwise would be.“

Jaron Lanier, Ten Arguments For Deleting Your Social Media Accounts Right Now (2018: 23)