lesendes Mädchen

Zeit für ein Gedicht 4.3 (6)

Beitragsfoto: lesendes Mädchen | © ThePixelman auf Pixabay

Auch wenn es mir heuer wirklich nicht nach Weihnachten zumute ist, muss es anderen nicht auch so gehen!

Manche Menschen, von einigen Bloggern weiß ich es sogar, bringen sich mit ganz bestimmten Hollywood-Schinken in Stimmung. Andere fangen an, bestimmte Lieder zu hören und je älter sie selbst werden, gerade jene, die sie noch vor Kurzem aus tiefsten Herzen heraus abgelehnt haben. Wiederum andere glühen auf den verschiedensten Weihnachtsmärkten vor und bauen darauf, dass sie bis zum Dreikönigstag ihren traditionellen Weihnachtsalkoholspiegel durchgängig halten können.

Völlig sinnloses Shoppen soll auch helfen — gerade jenen, deren einziger Lebensinhalt darin besteht als Verbraucher bei den Händlern respektiert zu werden — und völlig antiquierte Menschen versuchen sich im Basteln oder Brötchenbacken [Achtung: Regionalismus]. Erst gestern habe ich ganz spontan in einer Form von Übersprunghandlung Kerzen eingeschmolzen und neue daraus gegossen — half mir aber auch nicht viel weiter.

Und so habe ich noch in der Nacht eine Blu-ray gekauft und zwar „National Lampoon’s Christmas Vacation“ aus 1989. Dieser Film scheint völlig spurlos an mir vorübergezogen zu sein, da er aber wärmstens empfohlen wurde, versuche ich es in Kürze einmal damit.

Und wer die Überschrift zu diesem Blog-Beitrag gelesen hat, der weiß, was jetzt kommt; manche meiner Leser haben den Beitrag erst gar nicht geöffnet. Die Auswahl an Gedichten, gerade zu Weihnachten ist fast unermeßlich. Christian Morgenstern, Hoffmann von Fallersleben, Kurt Tucholsky, Joseph von Eichendorf oder Theodor Fontane dürften dabei immer eine gute Wahl sein. Ich habe mich allerdings für Joachim Ringelnatz entschieden, der gleich mit mehreren Weihnachtsgedichten aufwarten kann — ist wohl auch nur eine Altersfrage.

Sein Gedicht „Weihnachten“ stammt aus seinem Gedichtband von 1910, den er noch als Hans Bötticher herausgab. Dort finden sich auch seine Gedichte „Der Weihnachtsbaum“ oder auch „Weihnacht zur See“.

Weihnachten

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit.
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
und das alte Lied von Gott und Christ
bebt durch Seelen und verkündet leise,
dass die kleinste Welt die größte ist.

Ein paar Jahre später liest sich das Ganze dann ein wenig anders, nämlich als er 1928 einen Einsiedler Weihnachten feiern ließ. Dieses Gedicht findet sich in seinem Gedichtband „Allerdings“, den er als Joachim Ringelnatz herausgab.

Einsiedlers Heiliger Abend

Ich hab’ in den Wehnachtstagen – 
Ich weiß auch, warum – 
Mir selbst einen Christbaum geschlagen, 
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele 
Und steckte ihn da hinein 
Und stellte rings um ihn viele 
Flaschen Burgunderwein. 

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter 
Zu sparen, ihn abend noch spät 
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter 
Und anderem blanken Gerät. 

Ich kochte zur heiligen Stunde 
Mir Erbsensuppe und Speck 
Und gab meinem fröhlichen Hunde 
Gulasch und litt seinen Dreck. 

Und sang aus burgundernder Kehle 
Das Pfannenflickerlied. 
Und pries mit bewundernder Seele 
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken 
Später der Lampendocht. 
Ich saß in Gedanken versunken. 
Da hat’s an der Tür gepocht,

Und pochte wieder und wieder. 
Es konnte das Christkind sein. 
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder? 
Ich aber rief nicht: „Herein!” 

Ich zog mich aus und ging leise 
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott, 
Und dankte auf krumme Weise 
Lallend dem lieben Gott.

Mögen meinen Lesern und gerne auch dem Rest der Welt die Weihnachtsfeiertage nicht beschwerlich erscheinen, manchen gar Frohe Weihnachten beschert sein und vielleicht wird zudem der eine oder andere etwas erleuchtet ins neue Jahr hinüberrutschen.

Inzwischen gucke ich mal, ob ich nicht doch noch meinen Grill so auf Vordermann bringe, damit ich ganz spontan die eine oder andere Wurst auflegen, was man durchaus als sinnvolle Beschäftigung zur Weihnachtszeit durchgehen lassen kann.

Nachtrag 17.12.2024

Wer von uns hat dieses Gedicht von Loriot ‚damals‘ nicht freiwillig auswendig gelernt? Und noch letztes Jahr durfte ich es bei den Werkrealschülern hier in Heilbronn abfragen; es gab dabei — Jahrzehnte später — nun sogar Noten dafür, mehr als drei Strophen waren bereits eine Eins. Was bereits kommendes Jahr in D’tschland für eine erfolgreiche Promotion ausreichend sein dürfte.

Loriots Gedicht wurde erstmals am 7. Dezember 1969 in der elften Folge der Fernsehserie „Cartoon“ (1967 – 1972) im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt — hat ‚damals‘ fast jeder geguckt, da es nicht sehr viel mehr zum Gucken gab.

„Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.“

Dietrich Bonhoeffer (2022: 188)

Konzert

Musikvideo der Woche 5 (4)

Beitragsfoto: Konzert | © Bild von Pexels auf Pixabay

Bereits 1974 gründeten Debbie Harry und Chris Stein in New York die Band Blondie. Mit ihrem dritten Studioalbum „Parallel Lines“ erreichten Blondie 1978 dann die Massen. Aber erst als der Song „Heart of Glass“ 1979 als Single ausgekoppelt wurde und kurz darauf aus allen Radios tönte, nahm ich diese Band selbst wahr. Zum Ende des Jahres war es dann auch der Hit auf meiner Geburtstagsfeier, welche mit weiteren Liedern, die noch heute hoch und runter gedoodelt werden, zumindest für mich 1979 zu einem musikalisch höchst interessanten Jahr machten. Manche dieser Lieder dürften bereits hier auf dem Blog Erwähnung gefunden haben. Vielleicht deshalb war diese Geburtstagsfeier außergewöhnlich; wobei ich bis heute nicht weiß, wer tatsächlich für das Verschwinden der gefühlten Tonnen von Wackelpudding verantwortlich ist.

Mit „Sunday Girl“, das ebenfalls auf „Parallel Lines“ zu finden ist aber erst nach „Heart of Glass“ als Single ausgekoppelt wurde und somit diesem in den Radios und Discos nachfolgte, ging dann meine Begeisterung für Blondie auch schon wieder zu Ende.

Blondie löste sich bereits 1982 wieder auf und soll nach einem Neustart Ende des letzten Jahrhunderts noch heute bestehen.

Spannend vielleicht auch noch, dass Blondies Hit noch heute gecovert wird und eine Miley Cyrus damit Erfolge feiert.

In der Musik ist es ähnlich wie in der Politik, meist sind die Originale dabei die bessere Wahl!

„Unaufhaltsam ist die Eile der Zeit, die beim Rückblick noch mehr auffällt.“

Seneca, 5. Buch, 49. Brief (2023: 309)

Rezept

Kalenderwoche 50 4.1 (7)

Beitragsfoto: Rezept im Zuge eines Essens zusammen mit Barbara und Roland

Schokolade

Nichts gegen Schokolade, vor allem weil diese Süßigkeit inzwischen für jeden und alle zu haben ist. Bis vor Kurzem gab es bei uns noch Diskussionen darüber, ob man eher von Billigprodukten Abstand nehmen solle — wenn man sich das auch leisten kann — und dafür aber nicht auf Luxusprodukte umschwenkt, sondern auf nachhaltig produzierte und fair gehandelte Produkte zurückgreift.

Für mich sind die Zeiten schon sehr lange vorbei, wo [Achtung: Regionalismus] Schokolade noch zu den Notrationen gehörte, die einem das Leben am Rande des Wahnsinns etwas erträglicher machen sollten. Auch verdaut mein Körper die Folgen aufkommender Gelüste schon lange nicht mehr. Und so freue ich mich immer wieder darüber, wenn man meiner besseren Hälfte und mir ab und zu ein paar kleine Versuchungen mitbringt — aus nostalgischen Gründen heraus haben die aus Brüssel bei uns einen besonderen Stellenwert.

Nun aber hat das Ganze einen Punkt erreicht, an dem man sich dringend fragen sollte, ob wir nicht allesamt verblödet sind — das muss wohl am von Industrie und Landwirtschaft verseuchten Wasser liegen. Eigentlich wollte ich dieses Thema einfach aussitzen. Nun aber, da eine „Dubai-Schokolade“ zum wichtigsten Trendprodukt des Winters in Deutschland wurde, muss ich doch zubeißen! Viel zu viele unserer Mitbürger sind inzwischen so durchgeknallt, dass sogar Aldi, Lidl und Co. reagieren müssen und dem Volk genau das geben, was das Volk verlangt.

Nur mal so: hat schon jemand von diesen Influencern versucht, eine Tafel Dubai-Schokolade in Glühwein aufzulösen und das Gesöff dann als „Polit-Plörre“ zu vermarkten? — meinetwegen gerne auch als Lumumba für besonders wichtige Menschen.

Brombeere

Thüringen hat etwas hinbekommen, an das ich selbst nicht mehr glaubte — Chapeau! Nun bin ich neugierig auf Mario Voigt. Noch mehr bin ich aber von Bodo Ramelow beeindruckt, der meine Meinung über Die Linke gehörig geändert hat. Was für ein Unterschied zum Gewürge um Thomas Kemmerich vier Jahre zuvor.

Von insgesamt 88 Abgeordneten bekommt der CDU-Politiker 51 Stimmen und dies gleich im ersten Versuch — sieben mehr als die Koalition aus CDU, BSW und SPD hat. Neu dabei, dass man sich vorab darauf geeinigt hat, die Opposition (ohne AfD) frühzeitig in jedes Gesetzesvorhaben mit einzubinden. Und so war es gesichert, dass Mario Voigt auch Stimmen von der Linken bekam.

Da die Nazis nach dieser Wahl so richtig geschäumt, dürften jene Abgeordnete der Opposition, welche für die Brombeere gestimmt, schon damit ihre Freude gehabt haben.

Ob diese Koalition nun eine Legislatur halten wird, bliebt abzuwarten. Ich gehe davon aus, dass das Wahlergebnis der Bundestagswahl sich auch auf Thüringen auswirken wird.

Wochenstart

Wohl als Folge einer Veranstaltung am vergangenen Wochenende zu viel und vielleicht auch aufgrund einer angeschlagenen Gesundheit, konnte ich am Montagmorgen gerade noch den meseno-Bus wieder abstellen, denn gleich danach war ich die folgenden Tage regelrecht ausgeschaltet.

Und so war es dann auch nichts mit einem Käffchen zusammen mit Detlef Stern an der Hochschule, geschweige denn einer Vorlesung oder einem Seminar. Erst Mittwoch war ich wieder halbwegs ansprechbar und konnte wenigstens meine Routinetätigkeiten weiterführen. Abends gab es dann bereits wieder feste Nahrung. Zum Leidwesen meiner besseren Hälfte werde ich noch eine ganze Weile an einer Männergrippe festhalten.

So ganz nebenbei bekam ich dann auch noch mit, dass sich für die Schaeuffeleninsel doch so einiges ändern wird. Ob zum Wohle unserer Stadt oder nicht, das bleibt einmal abzuwarten. Das ehemalige Naturdenkmal war in meiner Jugend unser gemeinsamer Spiel-, Sport- und Aufenthaltsplatz und so erlebte ich den schleichenden Niedergang trotz oder gerade wegen so manchem „Prachtbau“ in den letzten Jahrzehnten mit.

Jetzt möchte man den Bildungscampus dort erweitern und das wenige noch verbliebene Grün unserer Stadt mit weiteren Bürogebäuden zubauen. So bleibt zu hoffen, dass dies der Bildung und dem Wohle unserer Stadt gilt und vielleicht sogar auch noch gut aussehen wird.

Weniger gut, wie das Ganze seitens der Dieter Schwarz Stiftung und deren ganz persönlichem OB gehandhabt wurde. Demokratie und Bürgerbeteiligung gehen anders; das Ausboten des Gemeinderats war dabei aber nur folgerichtig, denn dieser segnet wirklich einfach alles ab, was von oben kommt.

Dass dies von einigen Gemeinderäten erst nach der Veröffentlichung durch die Heilbronner Stimme bemerkt und dann auch noch kritisiert wurde, liegt wohl einfach nur an einer Essenseinladung zu wenig. Dabei ist eine Einladung zum Essen doch erst dann wirklich gut, wenn diese ohne Hintergedanken erfolgt.

Was mich an der gesamten Sache aber doch etwas aufhorchen lässt, ist, dass man nun die Sanierung der Turmstraße wieder einmal verschieben, um diese ggf. auch noch im Rahmen einer Anbindung des Bildungscampus an die Innenstadt mit integrieren könnte. Im Falle, dass das Gesamtkonzept tatsächlich für Heilbronn der große Wurf werden wird, nähme ich eine solche erneute Verschleppung mit einem Grummeln hin.

Wobei ich weiterhin der festen Überzeugung bin, dass es wir Bürger und im Falle kompetenter Gemeinderäte auch diese sind, die für eine Stadtentwicklung Verantwortung tragen. Diese Verantwortung einfach nur an Menschen mit großem Geldbeutel und intransparenten Absichten abzugeben, ist einfach nur falsch.

Und als Kollateralschaden kämpfen nun ein paar Gemeinderäte um den für sie ganz persönlich idealen Standort von Stadtbad, Eislauf- und Rollschuhhalle — wir Bürger müssen dann mit den Ergebnissen, egal wie diese auch aussehen werden, leben.

Meine Leser müssen nun damit leben, dass mich die jüngsten Ereignisse dazu bewegen, meine Rückblicke eher am Ende einer Woche zu veröffentlichen. Und so ist dies die Kalenderwoche 50.

Zum guten Schluss

Man merke sich, sobald etwas gut ist, wird es von anderen übernommen. Eine kleine Anspielung, die fast so gut ist wie jene von der „langen Erde“.

Auf alle Fälle aber möchte ich meinen Lesern eine kleine Entdeckung meinerseits nicht vorenthalten. Ich kenne die Sängerin persönlich, leider ist ihr Künstlername so ungünstig gewählt, dass man schon auf eine größere Entdeckungsreise gehen muss, um ihre Musik auch zu finden.

Aber vielleicht schafft sie es einmal zu Jan Böhmermann, das dortige Tanzorchester wäre bestimmt eine gute Assistenz.

Wenn ich obige Musik beschreiben müsste, wäre „experimentell“ wohl mein erstes Wort.

„Nicht nach ihren Dienstleistungen werde ich sie beurteilen, sondern nach ihrem Charakter: Jeder gibt sich den Charakter [selbst], die Dienstleistungen bestimmt der Zufall.“

Seneca, 5. Buch, 47. Brief (2023: 297)