Altes Rathaus

Föderalismus 5 (5)

Beitragsfoto: Altes Rathaus

Föderalismus ist ähnlich wie die Demokratie ein sehr umfassender Begriff. Und wie ich es in den letzten Jahrzehnten erleben durfte, kann man sich schneller auf ein gemeinsames Verständnis über Demokratie einigen als übereinzustimmen, welche Art von Föderalismus man eigentlich selber leben möchte. Ich habe mich vor etwa 20 Jahren für den Kommunalismus entschieden und versucht, diesen auch in unserem Verband wieder hoffähig zu machen. Spannend dabei, dass sich die UEF bereits 1947 mehrheitlich auf diese Art von Föderalismus entschieden hatte. Das Problem dabei, warum sich dieses Modell bei uns dann doch nicht durchsetzen konnte, durfte ich später ganz exemplarisch bei einer Vortragsreihe über den Kommunalismus erleben. Bei einer größeren Gewerkschaft konnte ich einmal diese Föderalismusart vorstellen; die Gewerkschafter waren allesamt begeistert, bis deren Bosse feststellten, dass der Kommunalismus unnötige Strukturen völlig obsolet macht. Und schon war für diese Menschen der Kommunalismus reines Teufelszeug.

Dieser Selbsterhalt unnötiger Strukturen ist es dann auch, der alle Verbände immer wieder schwächt — selbstverständlich ist dies nicht der einzige Grund. Die Stärke des Föderalismus ist es aber auch immer wieder, wenn Verbände oder Gemeinschaften aufgrund mangelhafter Strukturen in sich zusammenbrechen, dass sich stärkere Teile erhalten und erneut zusammenfügen können. Föderale Modelle sind hier den zentralistischen Modellen immer weit überlegen.

Meine Erfahrung im Verband zeigt, dass je weiter Strukturen von der Basis entfernt sind, umso mehr neigen sie zum Zentralismus. Und dabei ganz besonders jene Mitglieder, die nie selbst an der Basis unseres Verbandes zu Hause waren. Ich nenne diese Menschen gerne Berufsföderalisten. Gerade auch heute drängen diese Menschen in die höchsten Verbandstrukturen und sollte man sie doch einmal an der Basis finden, schaden sie dort nur und sorgen beständig für Unruhe.

Bundeskongresse sind für mich immer wieder ein guter Überblick, wie gesund unser Verband aktuell aufgestellt ist. Ich gucke dabei gerne auf die Anzahl der anwesenden Berufsföderalisten und stelle sie der Anzahl der anwesenden Kreisvorsitzenden gegenüber. Sind die Kreisvorsitzenden in der Mehrheit, dann wächst und gedeiht unser Verband, sind die Berufsföderalisten in der Mehrheit, sinken die Mitgliederzahlen und man streitet sich meist nur noch über organisatorische Dinge.

Aktuell ist die zentrale Mitgliederverwaltung wieder einmal das Thema. Völlig unnötig, aber damals mit dem Totschlagargument eingeführt, weil es Landes- und Kreisverbände gibt, die selbst nicht lebensfähig sind. Auch interessant dabei, dass die Berufsföderalisten gerade aus diesen Verbänden in die Bundes- und Europaebene drängen.

Und zum Schluss dann noch mein Ceterum censeo, das Thema Berufsjugendliche. Auch dort ist es signifikant, unabhängig davon, dass ein inklusiver Verband weder eigene Alten- noch Jugendverbände benötigt, nämlich die Diskrepanz zwischen jenen, die sich ausschließlich selbst promoten und jenen, die tatsächlich an der Basis Grundlagenarbeit leisten wollen und vor allem auch können.

Und wie in jedem anderen föderalen Verband auch, der Verband steht und fällt mit seiner eigenen Basis. Dort wo die Orts-, Stadt- und Kreisverbände gut aufgestellt sind, ist die Welt noch in Ordnung. Dort wo nicht, schwätzen die Berufsföderalisten darüber, was man so alles machen könne, wenn man nicht selbst auf höchster Ebene mit dem Retten der Welt beschäftigt wäre.

Und dies völlig unabhängig von Geschlecht, Alter oder regionaler Herkunft!


Königswinter

Bundeskongress 5 (7)

Beitragsfoto: Königswinter

Alle Jahre wieder findet ein Bundeskongress der EUROPA-UNION statt und nun bereits zum 69. Mal. Seit dem 51. Bundeskongress, der damals in Potsdam stattfand und von unserem Wohnort Stettin aus sehr gut zu erreichen war, sind meine bessere Hälfte und ich ein Teil davon.

Dieses Mal kommen allerdings und dies zum ersten Mal in der Kongressgeschichte gleich fünf Delegierte von der EUROPA-UNION Heilbronn. Neben den beiden stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Vassilios Vadokas und Leonhard Reinwald ist auch noch Semin Bristina mit dabei. Erfreulich, dass auch Jan-Philipp Scheu wieder mit dabei ist, leider aber musste Reiner Wichels kurzfristig absagen und so wird es wohl mit unserem inzwischen traditionellen kulinarischen Ausbrechen nichts. Dabei hatte ich mich schon auf einen Besuch des Petersbergs gefreut. Aber auch der Abend im Alten Rathaus wird Erinnerungen wecken.

Die Idee den Bundeskongress im erweiterten Bonn stattfinden zu lassen hat etwas, gerade in Zeiten, wo sehr viele mit Wehmut an die Bonner Republik zurückdenken. Allerdings etwas anders als im Osten, wo man mit größtem Eifer die DDR wieder auferstehen lassen möchte; die Ruinen haben wir Westdeutsche dort inzwischen größtenteils abgeräumt.

Ehrenamtlich und auch beruflich war ich seit den 1970er-Jahren regelmäßig in diesem Raum und erinnere mich auch noch an meine letzten Pendelflüge morgens von Berlin aus nach Köln und abends wieder zurück. Und so war für mich schon die gemeinsame Fahrt in einem Auto und im Anschluss die Unterkunft eine kleine Zeitreise in die 1980er-Jahre. Nach einem kurzen Spaziergang am Rhein konnten wir unseren Teil der Tagungsstätte im Helmut Kohl Konferenzsaal einrichten und nach einem gemeinsamen Abendessen den Abend in der „Bonner Republik“ ausklingen lassen. Ein schöner Kongressbeginn.

Erstmals wird die Organisation des Bundeskongresses von der neuen Bundesgeschäftsführerin Sandra Schumacher verantwortet, die ebenfalls aus Baden-Württemberg kommt. Insgesamt ist dieser Kongress ein entspannter, selbst die üblichen Dringlichkeitsanträge lassen eine Dringlichkeit vermissen. Und an Wahlen gibt es nur die Delegierten zum kommenden UEF-Kongress zu wählen. Meine Meinung hierzu habe ich bereits vor gut 20 Jahren geäußert und diese hat sich in all den Jahren auch nicht verändert — genau so wenig wie die diesbezüglichen Umstände.

Unsere Delegation aus Baden-Württemberg ist nun fast vollständig vor Ort und kann sich durchaus sehen lassen, u. a. mit der amtierenden Präsidentin, der Landesvorsitzenden, der Bundesgeschäftsführerin, der Landesgeschäftsführerin und vier Kreisvorsitzenden.

Aber auch lange Weggefährten aus den anderen Landes- und Kreisverbänden stimmen mich sehr zuversichtlich. Die üblichen Querulanten und Selbstdarsteller muss man dabei einfach mögen. In den letzten Jahren habe ich schon viele davon kommen und wieder gehen sehen, kein einziger hat dabei Spuren hinterlassen.

Nun aber gilt es, den ersten Reden zu lauschen, dann aber geht es in zahlreiche und sehr interessante Side Talks. Denn ein Bundeskongress dient in erster Linie dazu, dass sich die Verantwortlichen und Akteure der Verbandsbasis untereinander austauschen können und mit neuen Ideen und neuem Schwung in ihre Kreisverbände zurückkehren.

Ein solcher Side Talk machte mich heute Morgen bereits auf Zonta International aufmerksam, im wahrsten Sinne des Wortes eine Schwesterorganisation unseres Verbandes. Shame on me, ich kannte diese Organisation bisher noch nicht und erfahre nun, dass sogar bei uns in Heilbronn eine solche Gruppe existiert.


Mädchen mit Europaflagge

EUROPA-UNION 5 (5)

Beitragsfoto: Mädchen mit Europaflagge | © Shutterstock

Ohne die Europa-Union Schweiz, welche sich bereits 1934 gründete, ist die Geschichte der EUROPA-UNION Baden-Württemberg nicht denkbar. Aufgrund bestehender gut nachbarschaftlicher Verhältnisse zur Schweiz war es den Menschen im heutigen Baden-Württemberg schon vor und während des Zweiten Weltkrieges bekannt, dass ihre Schweizer Nachbarn über ein föderales Europa und auch eine föderale Welt nachdachten. Zudem wurden deutsche Flüchtlinge Mitglied in der Europa-Union Schweiz.

Und so gründeten sich gleich nach dem Zweiten Weltkrieg, spätestens aber im Zuge der Gespräche in Bern und Hertenstein 1946 auch in den damals drei südwestdeutschen Landesteilen die Landesverbände Württemberg-Baden, Südbaden und Württemberg-Hohenzollern. Diese Landesverbände wurden teilweise aus bereits bestehenden EUROPA-UNIONen gebildet, wobei sich die EUROPA-UNION Württemberg-Baden anfangs in die fünf Bezirksgruppen Stuttgart, Ulm, Karlsruhe, Mannheim und Heilbronn sowie zusätzliche Kreisgruppen weiter untergliederte, die allesamt am 29. April 1947 von der US-amerikanischen Verwaltung die Zulassung als politische Organisation erhielten; deren erster Vorsitzender war Karl Steinhorst.

Vertreter aller drei südwestdeutschen Landesverbände nahmen bereits an den ersten Sitzungen und Versammlungen der am 9. Dezember 1946 in Syke offiziell gegründeten EUROPA-UNION Deutschland teil. Auch sahen sie sich von Anfang an als Teil der am 17. Dezember 1946 in Paris gegründeten Europäischen Union von Föderalisten, wobei sie sich bereits an beiden Kongressen in Montreux vom 17. bis 24. August 1947 beteiligten, noch bevor die EUROPA-UNION Deutschland offiziell Mitglied in der heutigen Union Europäischer Föderalisten wurde.

Geprägt waren die ersten Jahre der drei Landesverbände aber durch die teilweise sehr heftigen Auseinandersetzungen mit weiteren Europa-Verbänden und -gruppen, die im Laufe der Jahre dann mit der EUROPA-UNION fusionierten oder darin aufgingen. Dies führte sehr wahrscheinlich dazu, dass damit gleich von Beginn an und bis heute das Hertensteiner Programm vom 21. September 1946, offizielles Grundsatzprogramm der EUROPA-UNION Deutschland, zumindest teilweise von deren Mitgliedern infrage gestellt wird.

Auf europäische Ebene führte dies u. a. zur Trennung zwischen Welt- und Europäischen Föderalisten und zu einer langjährigen Trennung der Europäischen Föderalisten (1956-1973) selbst.

In Württemberg-Baden fusionierten bereits am 13. Dezember 1947 alle noch vorhanden Europa-Gruppen mit der EUROPA-UNION und wählten Wilhelm Keil zu ihrem ersten gemeinsamen Vorsitzenden. Dessen Nachfolger wurde 1949 Herrmann Veit.

Am 25. April 1952 fusionierten die drei südwestdeutschen Landesteile zum Bundesland Baden-Württemberg, was dazu führte, dass aus den drei EUROPA-UNION Landesverbänden Württemberg-Baden mit 1 300 Mitgliedern, dem Landesverband Südbaden mit 1 500 Mitgliedern und dem Landesverband Württemberg-Hohenzollern mit 200 Mitgliedern die EUROPA-UNION Baden-Württemberg wurde.

Dieter Roser, welcher bereits 1950 Landesvorsitzender der EUROPA-UNION Württemberg-Baden geworden war, wurde mit dem Zusammenschluss zur EUROPA-UNION Baden-Württemberg auch deren erster Landesvorsitzender.

Dieter Roser blieb bis 1975 im Amt, danach kamen Arved Deringer (1976), Eduard Adorno (1976-1980), Annemarie Griesinger (1980-1990), Heinz Eyrich (1990-1996), Erwin Vetter (1996-2001), Rainer Wieland (2001-2013) und Evelyne Gebhard (2013-dato).

Aktuell hat die EUROPA-UNION Baden-Württemberg 2 900 Mitglieder und konnte damit ihre Mitgliederzahl über die vergangenen Jahrzehnte stabil halten.