Muscheln

Strandgedanken 4.8 (4)

Beitragsfoto: Muscheln | © Bettina Kümmerle

Gerade bietet sich mein Lieblingsstrand besonders gut dazu an, um sich in Gedanken zu verlieren, denn für diese Jahreszeit herrscht hier ein ungewöhnliches Wetter und so ist der bereits sonst wenig frequentierte Strand noch leerer. Einmal abgesehen von Myriaden von Segelquallen, die dieses Jahr an die Strände von Südkalifornien gespült wurden, und nun neben den unzähligen Muscheln und Krebsen zum Liegen kamen.

Eigentlich sind Strände riesige Friedhöfe und ziehen uns Menschen wahrscheinlich gerade deshalb wie magisch an. Wer mit mir bereits einmal über einen Friedhof geschlendert ist, der weiß, dass man eine Stadt erst so richtig kennt, wenn man mindestens einen ihrer Friedhöfe durchschritten hat.

Gerade ein Strand macht jeden Menschen in einer sehr angenehmen Form darauf aufmerksam, dass das eigene Leben endlich und der Tod das eigentliche Ziel eines jeden Lebewesens ist. Und wir Menschen wissen dies eigentlich alle sehr genau.

Manche von uns glauben daran, das Erreichen dieses Ziels hinauszögern zu können, indem sie auf ein Leben nach dem Tod bauen — ob viele dabei die Ewigkeit so ganz richtig verstanden haben, darf bezweifelt werden.

Und so glauben vielleicht doch so manche von uns daran, wahrscheinlich gerade dann, wenn sie einem späteren ewigen Leben keinen Glauben schenken können, durch ein immer Mehr ebenfalls ihrem Schicksal entrinnen zu können.

Dieses Mysterium „Mehr von allem“, treibt gerade uns Menschen wohl allesamt um. Kaum einer von uns ist in der Lage, um aus diesem Hamsterrad auszusteigen. In unserer eigenen Endlichkeit suchen wir wie verzweifelt immer noch mehr zu erreichen oder zu bekommen und müssen eigentlich recht froh darüber sein, dass uns letztendlich jemand anderes davon befreit.

Und jene von uns, die diesem Hamsterrad entrinnen möchten, die springen sogleich auf das nächste auf, denn weniger ist immer auch wieder mehr — einfach nur mehr von wenig; jeder Mathematiker freut sich darauf, dies einem bis ins kleinste Detail zu erklären.

Man könnte sich durchaus einmal fragen, warum wir alle immer mehr haben wollen? Warum es uns nicht gelingt, mit dem zufrieden zu sein, was wir haben. Das Mehr ist wohl ein Ausdruck für Veränderung und das Leben an sich ist Veränderung. Und so wäre das immer Mehr ein bloßes Ja zum Leben.

Dabei könnten wir uns doch einmal überlegen, ob es anstatt von mehr oder gerne auch weniger einen anderen Ausdruck für Veränderung oder gar das eigene Leben gibt?

Ich bin davon überzeugt, dass man durchaus einmal den Überlegungen von z. B. — weil jüngst hier im Weblog Thema — Emily Dickinson oder Henry David Thoreau folgen könnte, die sehr einfach zum Ausdruck brachten, dass man das Hier und Jetzt gerade dort finden sollte, wo einen das eigene Leben hingespült hat.

Jeder von uns erreicht sein Lebensziel schneller als es den meisten lieb sein dürfte. Und so sind sämtliche Versuche, das eigene Leben durch obige Tricks zu verlängern vertane Zeit. Wer im Hier und Jetzt keinen Sinn findet, der findet ihn auch später oder gar woanders nicht. Und wer zuhause mit seinem Leben nichts anzufangen weiß, der wird auch in der Ferne keine Lösung für sein ureigenes Problem finden.

Das Schöne an der Unendlichkeit ist doch gerade, dass man diese nicht nur in der Ferne suchen kann, sondern diese selbst in einem einzigen Sandkorn zu finden ist, vorausgesetzt natürlich, man sucht auch danach.

Und das Schöne an Friedhöfen ist doch, dass diese gerade daran erinnern und man zugleich von diesen deshalb doch so einiges lernen kann. Zumal wir Menschen wohl die einzig bekannte Lebensform sind, die in der Lage ist von toten Exemplaren der eigenen Art zu lernen.

Und so schweifen meine Gedanken ab hin zum Lernen und ich stelle mir dabei die Frage, ob es denn wirklich so gut ist, von den eigenen „Mitreisenden“ zu lernen, oder es doch besser wäre, gerade auf jene zu hören und zu lernen, die ihre Reise bereits hinter sich haben?

Vor allem dann, wenn deren Reise eine allgemein anerkannt erfolgreiche war. In diesem Sinne könnte man durchaus Bibliotheken als Strände für unserer Gedanken betrachten, man muss sie nur aufheben und sammeln.


„In any weather, at any hour of the day or night, I have been anxious to improve the nick of time, and notch it on my stick too; to stand on the meeting of two eternities, the past and future, which is precisely the present moment; to toe that line.“

Henry David Thoreau, Walden (2020 [1854]: 14)
Jacuzzi

4.6.02023 5 (1)

Beitragsfoto: Jacuzzi mit Buch

Spieleabend

Kann ein völlig entspannter Tag schöner ausklingen als mit einem Spiel? Unser aktuell bevorzugtes Spiel ist Rummikub. Aber darüber dürfte ich schon öfters geschrieben haben. Und wenn hier der Tag so langsam aber sicher zu Ende geht, hat er bereits woanders schon längst wieder begonnen — meine E-Mail und Message erinnern mich daran.

Und so frage ich mich zum Schluss des Tages, wie es heutzutage Menschen überhaupt noch langweilig werden kann, denn eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Man muss sich heute Langeweile schwer und hart erkämpfen und sollte man diese dann jemals erreichen, ist man bestimmt zu erschöpft, um sie überhaupt genießen zu können.

Mit diesem Gedanken verabschiede ich mich für heute von meinen Lesern aber erst noch einen kurzen Blick in die aktuelle E-Mail.

Jacuzzi

Endlich wurde das Wetter so, dass ich mich wieder meiner liebsten Beschäftigung widmen konnte, dem Lesen von Büchern im warmen Sprudelbad. Wer Per Anhalter durch die Galaxis gelesen hat, kennt bestimmt meinen Gesinnungsverwandten.

Mein einziges Problem dabei ist, wie ich das Gelesene vom Buch in den Zettelkasten bekomme. Schon vor ein paar Jahren fand ich es ganz gut, wenn die damals verwendeten Notepads (Palm III) wasserdicht gewesen wären. Und gute 20 Jahre später ist die Menschheit zumindest diesbezüglich auch nicht viel weiter, was meine Vermutung bestätigt, dass viel zu wenige die tatsächlichen Vorzüge eines Hottubs in Gänze erfasst haben.

Auf jeden Fall aber wäre die Welt eine bessere, wenn mehr von uns die Gelegenheit oder die Muse hätten, um ihren Tag im Whirlpool zu verbringen.

Die Zauberflöte

Zumindest alle ehemaligen deutschen Schulkinder haben einmal in ihrem Leben die Zauberflöte gesehen; für den Fall, dass sie aus Tälern der Ahnungslosen kommen, von einer Schallplatte gehört. Wobei sich wohl alle Musiklehrer berufen sahen, um ihren Schülern die Handlung zu erklären. Alle anderen kennen die Zauberflöte zumindest in Ausschnitten aus dem Fernsehen oder dem Radio.

So hätte ich nie daran gedacht, einmal selbst etwas über die Zauberflöte zu schreiben, vielleicht mit einer Ausnahme, nämlich als Nancy Gibson die Königin der Nacht gab — das ist aber schon sehr lange her.

Gestern aber brachte die Metropolitan Opera die Zauberflöte in die Kinos und ich konnte nicht umhin, um mir dies anzuschauen, besonders deshalb, weil sich die Met schon länger darauf konzentriert, um auch schon etwas verstaubtere Stücke in die heutige Zeit zu transferieren. Also, wenn schon die Zauberflöte, dann eine Aufführung der Met.

Und sorry Nancy, aber die gestrige Zauberflöte war die Beste, die ich je gesehen habe. Ob es besser gesungenere Aufführungen gibt, das kann ich nicht beurteilen, besser aufgeführte seit gestern sicherlich nicht mehr! Wer nicht das Glück oder die Gelegenheit hatte, dieser Aufführung zu folgen, der sollte sich demnächst die entsprechende DVD im Met Opera Shop kaufen.

Simon McBurney ist etwas ganz Besonderes gelungen, er hat diese Oper aus dem Jahre 1791 erneut zum Leben erweckt, und Kathryn Lewek gab in ihrer fünfzigsten (!) Darstellung die beste Königin der Nacht. Auf jeden Fall aber war sie der beste Sänger des Abends.

Die Besetzung des Sarastro mit Stephen Milling eine sehr gute Wahl und die Harmonie zwischen Erin Morley (Pamina) und Lawrence Brownlee (Tamino) stimmig. Ebenfalls erwähnenswert Thomas Oliemans (Papageno), der zugab, dass er sich mit der ihm beigegebenen Leiter nicht so ganz anfreunden konnte.

Das Ganze hat aber hier bei uns in Deutschland einen großen Nachteil. Denn jetzt, wo man den Text während der Aufführung sehr einfach mitlesen kann, steht zu befürchten, dass die Zauberflöte bei uns in Kürze so lange verboten wird, bis ein Künstler mit entsprechendem Parteibuch diese umgeschrieben hat.

„Ein Mann muss eure Herzen leiten,
Denn ohne ihn pflegt jedes Weib
Aus ihrem Wirkungskreis zu schreiten.“

Sarastro, Die Zauberflöte (1791)

Mall

3.6.02023 5 (2)

Beitragsfoto: South Coast Plaza

Geschäftsidee

Wäre ich 20 Jahre jünger, dann hätte ich mich dieses Mal an einem Startup beteiligt. So war aber sehr schnell klar, dass es für mich andere Schwerpunkte gibt und ich keine Lust mehr auf größere Experimente habe.

Und kaum war die eine Sache vom Tisch, da fand ich eine für mich neue und wahrscheinlich sogar völlig risikofreie Geschäftsidee. Beim gestrigen Einkauf in einem Obst- und Gemüseladen wurden ganz prominent Sprühflaschen angeboten.

Bei den Sprühflaschen handelt es sich um einen „Fruit & Veggi Wash“, der zu 5 Dollar und 99 Cent zu haben ist und aus 354ml Wasser und vielleicht noch einer „Geheimrezeptur“ besteht. Dieser „Fruit & Veggi Wash“ soll das Folgende können:

  • Removes dirt and soil that can carry bacteria;
  • Lifts pesticides, chemicals, wax and heavy metals;
  • Keeps produce fresh up to 5x longer.

Wer diesen „Fruit & Veggi Wash“ in Widdern vertreiben möchte, der kann bestimmt 10 Euro für das Fläschchen verlangen.

Rätsel

Ich hatte mich gestern zum Essen verabredet und nutzte die Wartezeit, um wieder einmal durch meine Lieblings-Mall zu schlendern.

Dass das Wetter schlechter werden soll, wenn die Schwalben tiefer fliegen, dürfte allseits bekannt sein. Und dass es wohl ein neues iPhone gibt, wenn junge Männer vor dem Apple-Store Schlange stehen, kann man noch halbwegs nachvollziehen. Heute aber sah ich ein Phänomen, das ich mir bei bestem Willen nicht erklären kann, nämlich eine Schlange vor dem Chanel-Store. Immer mehr Frauen fanden sich dort ein, um nicht gemeinsam in die Schaufensterauslagen zu gucken, sondern ganz brav vor der Ladentür zu warten, bis sie an die Reihe kamen.

Und noch bevor ich das Ganze so richtig erfassen konnte, war die Schlange so lang geworden, dass eine der Verkäuferinnen vor den Laden trat und damit anfing, Termine zu vergeben. Aber auch dies ließ die Schlange nicht kürzer werden.

Ich war bereits versucht, bei den Damen nachzufragen, was es denn heute Besonderes gäbe oder sie gar darauf hinzuweisen, dass es in der Mall noch weitere Gelegenheiten gibt, um sich mit Chanel-Produkten einzudecken, musste dann aber doch weiter, um meine Verabredung nicht warten zu lassen.

Abzocke

Es war schon Thema hier im Weblog, nämlich wie sich die Bürger von Widdern von ihren gewählten Volksvertretern ausverkaufen lassen. Erst kauft der dortige Bürgermeister ohne Einverständnis des Gemeinderats eine völlig überteuerte Homepage und dann macht der Gemeinderat auch noch mit und sie schmeißen zusammen um die 200 000 Euro fürs Erste einfach so zum Fenster hinaus.

Heute können wir dank der Heilbronner Stimme (3.6.2023: 31) erfahren, was so eine Deluxe-Homepage maximal kostet, denn die sehr wohlhabende Gemeinde Flein leistet sich seit 30 Jahren eine neue Homepage. Dafür investieren die Fleiner einmalig 36 000 Euro und zahlen weitere 550 Euro monatlich für deren Betrieb.

Wenn man nur wollte, könnte man das Ganze auch für einmalig 1 000 Euro und monatlich weitere 100 Euro haben — aber das Geld anderer Leute zum Fenster hinaus zu werfen, macht einfach eine ganze Menge Spaß.

Wobei die Widderner sich auch noch einen Bürgermeister leisten, der nicht einmal da sein muss — was wahrscheinlich sogar für alle Beteiligten besser ist. Und schon 2024 wählen die Widderner erneut dieselben Volksvertreter.

Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, einen Zaun um diese Gemeinde zu ziehen und Eintritt zu verlangen.

„It is a vulgar error to suppose that you have tasted huckleberries who never plucked them.“

Henry DAvid Thoreau, Walden (2020 [1854]: 161)