Feiernde Menschen

Grundgesetz 5 (9)

Beitragsfoto: Feiernde Menschen | © Shutterstock

Am 23. Mai 2024 wird unser Grundgesetz 75 Jahre alt. Inzwischen dürfte schon jeder seinen Senf dazu gegeben haben. Und so nutze ich den heutigen Tag, um ebenfalls ein paar Gedanken zu unserer Verfassung zu formulieren. Leider trete ich damit auch schon wieder dem einen oder anderen auf die Füße, nicht, weil ich dazu etwas schreibe, sondern weil ich gleich zu Anfang unser Grundgesetz als Verfassung bezeichne. Und ja, um dem einen oder anderen Kritiker zuvorzukommen, es gibt bei uns in Deutschland auch Juristen, die seitenlang erklären, warum das Grundgesetz eigentlich keine Verfassung sei. Diesen kann ich nur erwidern, dass es auch unter den Juristen Deppen gibt, ganz besonders bei uns in Deutschland. Schlimmer ist nur noch die eine oder andere Presseerklärung zum Grundgesetz, die ich in den letzten Tagen erhalten habe, die das Wort Verfassung in ihrer „Lobhudelei“ gänzlich vermeidet. Zum einen ist dies dem Wahlkampf geschuldet, die eine oder andere Partei möchte es sich nämlich nicht mit dem eigenen rechten Rand versauen, diese Nichtwortwahl kommt aber bei doch so vielen Lobrednern sicherlich auch von ganzem Herzen, denn zwar ist es bei uns immer noch Staatsräson, das Grundgesetz hochzuhalten, aber man schleift es bereits wo man nur kann.

1949, nur vier Jahre nach Kriegsende und im Angesicht der Verbrechen des Nationalsozialismus gaben die Verfasser des Grundgesetzes der neuen Bundesrepublik eine höchst innovative Verfassung. Diese machte nicht nur den Föderalismus zur Grundlage unserer Gesellschaft, sondern verankerte darin bereits die europäische Einigung als Grundpfeiler jeglicher deutschen Politik — manche Bürger und auch Juristen erkennen darin bereits die Eigenverpflichtung zu einem europäischen Bundesstaat. Das Selbstverständnis Deutschlands „als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“ ist in der Präambel dem Text vorangestellt. — was immer mehr Deppen dahingehend auslegen, dass es damit nicht im Grundgesetz stünde und somit irrelevant sei.

Ohne Wenn und Aber ist unser Grundgesetz von den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit durchdrungen, wie es schon die Verbriefung der Menschenrechte in den ersten 20 Artikeln verdeutlicht. Bereits mit Artikel 1 ist die Ansage unmissverständlich: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ — eigentlich!

Aber unser Grundgesetz ist von Anfang an auch ein „Living Document“, und so habe ich es mir schon lange abgewöhnt, eine gedruckte Version davon aufzubewahren. Besser ist es, man kennt den Hyperlink zur Quelle [Link wurde entfernt] und findet dort bei Bedarf dann immer die gerade aktuelle Version. Schon sehr früh hat man die Bundeswehr in die Verfassung geschrieben, sie aber auch dabei gleich wieder konterkariert — was man als Beweis dafür sehen kann, dass nicht nur die Bundeswehr sondern auch eine Verfassung dem Primat der Politik unterliegt. Später hat man mit dem Artikel 23 die gewünschte europäische Einigung noch einmal konkretisiert und die Mitwirkung des inzwischen vereinten Deutschlands in der Europäischen Union präzisiert.

Weitere Dinge fanden und finden immer wieder Einzug in unsere Verfassung und die Diskussionen darüber, was alles von unserem Grundgesetz schützenswert sei, sind inzwischen endlos. Teilweise nimmt das Ganze auch sehr bizarre Formen an. Was wiederum nur beweist, dass sich Menschen, ganze Gesellschaften und Demokratien beständig verändern.

Mit großer Sorge sehe ich aber, dass unsere gemeinsamen Werte der westlichen Welt, Europas und Deutschlands, die noch heute im Grundgesetz verankert sind, von extremen Parteien, populistischen Akteuren und inzwischen leider auch von den Mainstream-Parteien angegriffen werden. Noch greift man unser Grundgesetz nicht in Gänze oder gar direkt an, man leugnet lieber erst einmal, dass es sich dabei um eine echte Verfassung handelt. Bitte schauen Sie sich in den kommenden Tagen die entsprechenden Presseerklärungen unserer Parteien an und gucken einmal selbst, welche Parteien, Organisation und Verbände das Wort „Verfassung“ im Rahmen 75 Jahre deutsches Grundgesetz geflissentlich vermeiden!

Leider aber sind wir bereits einen ganzen Schritt weiter. Wir sprechen im Zuge des Grundgesetzes selbst immer weniger von Menschenrechten, sondern diskutieren bereits darüber, ob die „Grundrechte“ nur für Bundesbürger und die aktuell gemochten direkten Nachbarn gelten sollen oder nicht.

Ganz ohne Frage, wir Menschen und unsere Politiken verändern uns beständig — Leben ist einfach Veränderung!

Angesichts dieses fünfundsiebzigsten Jubiläums sollten wir uns aber dringend fragen, ob wir selbst heute noch den Ideen, Vorstellungen und Ansprüchen der Gründer unserer Verfassung und unserer Republik überhaupt noch genügen? Wir fragen uns aber lieber, welches gefühlte Geschlecht die Gründerväter und auch -mütter unserer Verfassung hatten!

Nur wenn wir uns Gewahr darüber werden, wo wir eigentlich herkommen, können wir uns halbwegs darauf einigen, wohin wir zukünftig gehen möchten.

Ich hoffe, dass Demokratie, Föderalismus und Europa dabei noch eine Rolle spielen werden!

„Das Gefühl von Selbstverantwortung als Triebfeder eigenständigen politischen Handelns könne erst dann entstehen, wenn man etwas zu verlieren habe.“

Walter Hallstein, Vortrag Germany and Western Civilisation, 1.3.1946 [zitiert in Walter HAllstein, 2018: 39]

[https://iiics.org/h/20240522054900]


Infostand

Demokratische Alternative 5 (10)

Beitragsfoto: Infostandbesuch

Heute hatten sich in der Sülmerstraße fast alle eingefunden, die für den Heilbronner Gemeinderat kandidieren, wobei gleich mehrere rechtsradikale bis rechtsextreme Gruppierungen das Klima sichtlich verschlechterten. Und wie wir es von den Passanten erfuhren, kamen diese heute tatsächlich im Schafspelz daher; was wohl den einen oder anderen entsprechenden Wähler so unglücklich machte, dass diese ihren Frust, ihre wirren Ideen sowie ihre politische Gesinnung gleich bei uns mit abluden. Mindestens einmal musste ich es mir anhören, dass es endlich an der Zeit ist, dass wieder ein Adolf Hitler an die Macht käme. Einer überlegte es sich kurz, ob er es auf eine Rangelei ankommen lassen möchte — so aber beleidigte er unsere Standbesatzung nur als Nichtsnutze, die auf Kosten der „arbeitenden“ Klasse leben. Was er an diesem Tag selbst unter Arbeit verstand, konnte man sofort sehen, denn er trug seine Biereinkäufe nach Hause.

Wir Freien Wähler standen mit unserem Wahlkampftraktor gleich in der Nähe des Berliner Platzes, nur die CDU war dieses Mal schneller vor Ort. Und so konnte man ganz gut miterleben, wie Die Linke, die FDP, die SPD und die Grünen ihre Informationsstände aufbauten und bei den Heilbronnern für ihre Ideen und Vorstellungen warben. Die Diskussionen zeigten aber auch ganz gut, dass man bei uns weiterhin sagen und meinen kann, was man möchte — was die Meinungen einiger, dass man bei uns sehr schnell zum Schweigen gebracht werde, sogleich konterkarierte. Am Beispiel der AfD kann man es aktuell ganz gut mit ansehen, wie lange es dauern kann, bis Antidemokraten, Staatsfeinde, Landesverräter und bekennende Rassisten bei uns aus dem Verkehr gezogen werden. Und so ging die Diskussion auch darum, ob ein demokratischer Staat sich gegen Verfassungsfeinde wehren darf, soll oder gar muss! Ich habe da eine sehr feste Überzeugung und würde die AfD besser heute noch als morgen verbieten. Viele Diskutanten sind da ganz anderer Meinung und glauben noch immer daran, dass es Sinn macht, mit diesen Mitbürgern zu diskutieren, noch schlimmer, dass Menschen, die die AfD wählen, keine Nazis seien, sondern einzig und alleine Menschen, die einfach nur unzufrieden seien — und so ein bisschen Rassismus oder Chauvinismus sei doch auch nur halb so schlimm.

Ich habe dies vor Ort mit einem Fußballspiel verglichen, wo ein Schiedsrichter eine Mannschaft doch auch vom Feld nehmen muss, wenn diese sich weigert, nach den geltenden Regeln zu spielen oder gar darauf besteht, dass Handball gespielt werden soll. Und in einer Demokratie ist es doch nicht anders!

Was aber nicht bedeutet, dass ich mit der Gesamtsituation zufrieden bin, nein, ganz und gar nicht, auch ich sehe sehr deutlich und sehr großen Handlungsbedarf. Wir müssen sehr viel in unserem Land ändern, um bei uns wieder eine halbwegs normale Wirtschaft und Gesellschaft zu etablieren! Das bedeutet aber nicht, dass wir nun Nazis, Faschisten, Monarchisten oder Kommunisten werden müssen.

Allen Heilbronner, die ebenfalls mit der aktuellen Situation nicht so oder überhaupt nicht zufrieden sind, bieten sich die Freien Wähler als demokratische Alternative für Heilbronn an. Für die in Heilbronn mit allem Zufriedenen gab es heute die Informationsstände der anderen Demokraten.

Nachdem die Diskussionen insgesamt an diesem Tag nicht viel besser wurden, beschlossen wir, unseren Informationsstand zu beenden und einmal bei der demokratischen Konkurrenz vorbeizuschauen. Vertreter der extremen Linken waren heute nicht am Stand der Linken zu sehen und so gab es dort einen kurzen Plausch, danach ging es zur FDP, wobei ich mit Nico Weinmann das eine oder andere Wahlkampfproblemchen besprechen konnte. Bei der CDU ging es sogleich um das gleiche Problemchen, wobei sich dort die Gemüter so langsam wieder beruhigten. Thomas Randecker schien dabei zuzustimmen, dass man beim einen oder anderen Problemchen etwas abrüsten könnte. Und auch wir Freien Wähler wollen uns lieber mit unseren Mitbürgern inhaltlich auseinandersetzen als mit der Stadtverwaltung Erbsen zählen.

Bei der SPD ging es um einen meiner Blog-Beiträge, wobei Tanja Sagasser-Beil mir noch einen Kommentar versprach, den sie mir bereits vorab per E-Mail zusandte. Josip Juratovic stimmte mir in anderer Sache dabei zu, dass es ein Unding sei, dass ein Nazi-Porträt noch im Rathaus hängt — er hat sich wohl nicht mit seinen Heilbronner Genossen abgestimmt. Auf alle Fälle aber kündigte ich es den Genossen vor Ort nochmals an, dass es Heilbronner gibt, die es nicht auf sich beruhen lassen, dass ein Hans Hoffmann weiterhin so prominent im Rathaus vor sich hin grinst.

Zum Schluss gab es noch einen Besuch bei den Grünen, dann verließen wir wieder die Sülmerstraße und machten uns auf den Heimweg.

Nachtrag

Es tut so richtig gut, wenn man wenigstens bei anderen Bloggern — ganz aktuell bei Stefan Rose — lesen kann, dass diese ebenfalls für ein AfD-Verbot sind. Bei den heutigen Parteivertretern, angefangen von der SPD bis hin zur CDU habe ich so eine Konsequenz vermisst. Schlimmer noch, die SPD macht bei uns gerne auf Antifa, lässt es aber an Taten missen!

Pfingsten
Komm’, Geist der Pfingsten! Mit Maieswonnen
Erquick’ unser dürstendes Menschenherz!
Vollende, vollende, wie Du es begonnen,
Das Heil der Seele, besiege den Schmerz!
O mache uns edel und froh und frei,
Und schaff’ uns wieder des Herzens Mai.

Komm’, Geist der Pfingsten! Mit Feuerzungen
Verkünde die Wahrheit, behaupte das Feld!
Mit einem Munde wird doch noch gesungen
Halleluja Dir einst von aller Welt:
So zücket im Mai wohl der Wetterstrahl,
Doch dann wird es Frühling all überall.

Eduard Baltzer, erinnerungen: BIlder Aus meinem Leben