Heilbronner Rathaus in Acryl von Wolfgang Loesche

25.9.02026 5 (5)

Beitragsfoto: Heilbronner Rathaus in Acryl von Wolfgang Loesche

Europäischer Brief

Immer mehr stellen wir fest, dass es weltweit, in Europa, bei uns in der Bundesrepublik und auch hier vor Ort nicht so ganz rund läuft. Wer dieses Blog schon etwas länger liest, der dürfte wissen, wen und was ich dafür verantwortlich mache.

Der gestern veröffentlichte Europäische Brief Nr. 92 (September 2026) beginnt wie folgt: „Frankreich und Deutschland drängen darauf, die europäische Diplomatie unter die direkte Kontrolle der Kommission zu stellen, während elf Länder eine Abschaffung des nationalen Vetos in der Außenpolitik fordern. Doch in ihrer Rede zur Lage der Union schwieg Ursula von der Leyen lieber zu den institutionellen Reformen, die die Union endlich entblockieren könnten.“

Noch bemerkenswerter, dass sich inzwischen die Idee Emmanuel Macrons nach einer strategischen Autonomie Europas in den Köpfen der verantwortlichen Politiker und Beamten festgesetzt hat. Und so sieht der Europäische Brief als grundlegende Frage: „Will Europa wirklich eine Außenpolitik, die in Echtzeit entscheiden kann, oder zieht es vor, seine nationalen Politiken weiterhin mit der gewohnten Langsamkeit zu koordinieren, in der Hoffnung, dass die äußeren Bedrohungen – russische, amerikanische oder beide – so höflich sind, zu warten, bis Brüssel eine Einigung findet?“

Das Problem liegt dabei viel tiefer und wurde erneut während der letzten Hertensteiner Gespräche thematisiert. Wir Europäer sind uns, so wie sich die Franzosen, Luxemburger … oder wir Deutschen selbst auch, nicht einmal darüber einig woher wir kommen und schon gar nicht darüber wohin wir gehen wollen!

Und jene vor gut 80 Jahren gemachten Kompromisse werden von uns nur dann anerkannt, so lange sie nur auf dem Papier bestehen bleiben und keinen Anspruch formulieren auch umgesetzt werden zu wollen.

Und so wird es kommen wie es immer kommt, die Mächtigen werden auf Kosten des Rests ihre Interessen durchsetzen — koste es den Rest was es wolle. Es wird weiterhin Kriege geben und Kriegspausen — nie Frieden — mit wunderbaren Versprechungen, die dann bis zum nächsten Krieg wieder nicht erfüllt werden.

Sehen wir das Ganze aber einmal etwas entspannter: bereits außerhalb unseres eigenen Sonnensystems ist dies ohne jegliche Bedeutung oder gar Konsequenz! Der Untergang unseres Planeten ist dem Rest des Universums nicht einmal einen Vogelschiss wert.

Heilbronn

Heute einmal ein Werbevideo, welches meine Heimatstadt zu einem aufstrebenden Zwitter macht. „Heilbronn ist keine klassische Metropole; es ist eher ein wirtschaftliches Regionalzentrum mit überraschend viel Dynamik.” Wem wir dies zu verdanken haben, dürfte unbestritten sein. Im Falle, dass diese Transformation vom größten Weindorf zu Europas KI-Zentrum glückt, können wir allesamt mehr als zufrieden sein. Bereits heute sind die entsprechenden Ehren längst verteilt. Für den Fall, dass das mit der KI-Blase dann doch nichts werden wird, bleibt abzuwarten, wer zum Sündenbock gemacht wird — ich vermute, das wird in einer ehemaligen Reichsstadt wieder sehr traditionell geregelt.

„Heilbronn ist … ein Ort, an dem zwei Welten unmittelbar nebeneinander existieren – ländliche Tradition und digitale Zukunft.“ Schön formuliert ist das „Nebeneinanderher“, wobei es bei uns gleich mehrere Welten gibt, die sich nie begegnen werden. Noch schöner formuliert ist, dass „Heilbronn in vielen Bereichen spürbar ruhiger und regionaler [bleibt].“ Ich sehe das tatsächlich als Vorteil, denn wir müssen nicht immer gleich Metropole sein!

Vermischtes

Gestern schwang ich dann doch noch etwas das Tanzbein, einfach nur um beim anschließenden Bingen ein besseres Gefühl zu haben. Manchmal kann das eigene Leben sehr einfach sein.

Gleich heute Morgen gab es ein Käffchen mit Detlef Stern. Hauptsächlich sprachen wir darüber, ob es eine Realität überhaupt gibt, warum wir ggf. in Modellen leben oder gar denken und was „Leben“ eigentlich bedeuten könnte. Als ich wieder zurück an meinem Rechner war, hat mich mein Wetterstein nur „mitleidig angeguckt“ und sich sicherlich seine ganz eigenen Vorstellungen gemacht.

Meine Nachbereitung der letzten Hertensteiner Gespräche ist im vollen Gange und wird auch Thema bei der kommenden Kreisvorstandssitzung werden. Damit sind bereits zwei Gesprächskreise für die 11. Hertensteiner Gespräche am 18. September 2027 gesetzt. Auf Wunsch, dazu mit gleich zwei Moderatoren, zum x-ten Mal das soziale Europa und ebenfalls mit zwei Moderatoren die „ewigen Streitpunkte“ des Hertensteiner Programms.

Mit Wetterstein meine ich selbstverständlich nicht das Gebirge, sondern etwas ganz anderes. Man könnte dies selbstverständlich googeln, wird wohl aber nur eine Sichtweise dazu erhalten — die offensichtlichste.

Schon heute stellt sich für viele die Frage, warum man Fragen unbedingt beantwortet haben möchte, vor allem dann, wenn es sich ohne Antworten viel einfacher leben lässt. Könnte es vielleicht sein, dass es gerade die Suche nach einer Antwort ist, die ein Leben — was immer dies auch sein mag — vielleicht nicht sogleich sinnvoll aber doch ein wenig lebenswerter macht?

Um mich künftig etwas besser auf manche Diskussionen vorbereiten zu können, plane ich schon einmal meinen Zettelkasten in eine hybride Form zu überführen. Die eine oder andere Idee schwirrt mir dazu bereits im Kopf herum, wobei ich diese, wenn ich ein wenig nachdenke, bereits vor ein paar Jahren in einer im Internet geführten Zettelkastenrunde gehört habe. Auch jede Idee war schon einmal da, sie wurde aber noch nicht von jedem gehabt.

Wenn wir Steine etwas besser verstehen könnten, wäre unsere Welt sicherlich eine ganz andere.


Schachfiguren

Souveränität 5 (3)

Beitragsfoto: Schachfiguren | © Elmer L. Geissler auf Pixabay

„Diese Woche hätte nicht treffender illustrieren können, warum die Europäer die Ausrichtung ihrer Sicherheitspolitik dringend überarbeiten müssen.“ schreibt Katrin Pribyl in der heutigen Heilbronner Stimme (14.01.2022: 2). Und damit sind die jahrzehntelangen Bemühungen der europäischen Nationalisten, die friedliche, demokratische und föderale europäischen Einigung zumindest kaputt zureden, endgültig im Mainstream angekommen.

Denn die Sicherheits- und Verteidigungspolitik der Europäischen Union wäre sehr gut aufgestellt, wenn nicht beständig die Nationalisten in Europa diese seit Jahrzehnten unterminieren und immer wieder durch nationale Alleingänge oder Unterlassen ad absurdum führen. Und genau so machen sie es auch mit der Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union.

Dabei liegen die Fakten seit spätestens 1945 auf dem Tisch und wurden bisher von keinem ernstzunehmenden Fachmann bestritten — höchstens von unseren doch so geliebten Experten, die so gerne durch die Medien tingeln.

Ohne eine immer tiefergehende europäische Zusammenarbeit, die tatsächlich auch die Aufgabe von Teilen der bisherigen nationalen Souveränität beinhaltet, kann kaum ein einzelner europäischer Mitgliedstaat seine eigene Souveränität noch garantieren. Das Vereinigte Königreich bemüht sich gerade, die Ausnahme von der Regel zu werden — wir werden gut mitverfolgen können, ob und wie dies funktioniert.

Ohne die Zugehörigkeit zur NATO wird die Europäische Union auch ihre eigene Sicherheit nicht garantieren können, es sei denn wir Europäer verzichten auf maßgebliche Errungenschaften, wie zum Beispiel die soziale Absicherung jedes Einzelnen, in unseren Gesellschaften — so wie es die US-Amerikaner seit Jahrzehnten praktizieren.

Von Anfang an stellen die Superstaateuropäer, so werden die europäischen Nationalisten schon etwas länger genannt, genau diese beide Fakten in Frage und unternehmen wirklich alles, um Recht zu behalten. Zum Beispiel verhindern sie die notwenige Finanzierung der NATO und zudem die Bereitstellung der zugesagten nationalen Beiträge und Ressourcen. Auch verhindern sie eine gemeinsame Rüstungspolitik der NATO, um für alle die Gesamtausgaben für Verteidigung reduzieren zu können — ganz im Gegenteil, sie steigern die Ausgaben durch völlig absurde nationale oder manchmal auch trinationale Rüstungsprojekte. Und den NATO bzw. EU Resterfolg unterminieren sie dadurch, dass sie in sämtlichen entsprechenden Gremien alles unternehmen, um gemeinsame Beschlüsse und koordinierte Maßnahmen zu unterbinden.

John F. Kennedy hat uns Europäer noch regelrecht hofiert, aber spätestens seit Ronald Reagen machen alle US-Präsidenten auf dieses unsägliche europäische Getue aufmerksam und versuchen die Europäer sowie auch einzelne europäische Staaten zu einem gemeinsamen konzertierten Handeln, oder wenigstens zum Einhalten der vertraglich garantierten Zusagen zu bewegen.

Im Gegenzug machen wir Europäer uns über unsere amerikanischen, auch die kanadischen, Bündnispartner lustig, lassen diese bei fast jeder Gelegenheit im Regen stehen, aber fordern selber beständig deren Bündnisleistungen und -garantien ein.

Jüngst haben wir den US-Amerikanern sogar noch offenbart, dass wir eine offene strategische Autonomie, aber auf jeden Fall die völlige Souveränität gegenüber den USA erreichen wollen — während wir allesamt unverhohlen um die Gunst der Chinesen und Russen buhlen, deren beider Führungen bekanntermaßen nicht für Demokratie, sondern für Unterdrückung der eigenen Bevölkerungen, Angriffskriege und Völkermord stehen.

Notgedrungen haben sich die US-Amerikaner nun wieder einmal an den Verhandlungstisch gesetzt, um den Chinesen und Russen zumindest ein paar Zugeständnisse zur Sicherheit und Versorgung Europas und dessen ureigenen „Vorhöfen“ abzuringen … und schon liest man wieder in den Medien: „Am Montag hatten sich die USA und Russland in Genf getroffen, um über die Ukraine-Krise zu beraten. Die Europäer fehlten am Tisch.“ und dies mit der Forderung verbunden, dass man zugleich weniger von Washington abhängen und selbst handlungsfähiger werden muss (Heilbronner Stimme, 14.01.2022: 2).

Dabei wäre das Ganze sehr, sehr einfach: Wir müssten

  1. alle verlässliche Bündnispartner werden und auch unsere selbst eingegangen Verpflichtungen erfüllen;
  2. anfangen politisch koordiniert zu agieren, sowohl in Europa als auch innerhalb der NATO;
  3. sämtliche Rüstungsprojekte auf NATO-Ebene koordinieren und, wenn möglich, zusammenlegen, damit wir allesamt unsere Verteidigungsausgaben minimieren können.

Das immer lauter und offen zu Tage tretende Souveränitätsgeschrei ist nichts anderes als ein lautstarkes Bekenntnis gegen Europa, gegen die Europäische Union, gegen die NATO und alle unsere gemeinsamen Werte.

Das dazugehörige Motto lautet: Nationalisten aller Länder vereinigt Euch! und lasst uns neue Kriege führen, denn sterben werden immer die anderen.

So werden diese Nationalisten weiterhin um Russland und China buhlen anstatt gleichberechtigte Partner unserer demokratischen Nachbarn zu werden — damit sind die tatsächlichen Schwerpunkte und Präferenzen unserer (europäischen) Nationalisten eindeutig gesetzt und offenkundig.

Zugegebener Maßen gab es tatsächlich einmal eine Alternative zum europäischem Vasallentum gegenüber China oder Russland auf der einen und einer Nordatlantischen Partnerschaft auf der anderen Seite, nämlich die einer Afro-Europäischen Kooperation, welche als „Eurafrika“ tatsächlich sogar auf französischer Seite in den 1950er- und 1960er-Jahren im Gespräch war. Da aber Nationalisten meist auch Rassisten, zumindest aber Chauvinisten sind, wurde diese Idee sehr schnell wieder beerdigt und deren kleinere Version, eine „Mittelmeerunion“, ebenfalls vehement abgelehnt.

So werden wir Europäer so lange nach Souveränität und Autonomie schreien, bis sich die Amerikaner, Afrikaner, Chinesen und Inder darüber streiten müssen, wer sich denn nun um die alten Europäer kümmert.

„Competition has been shown to be useful up to a certain point and no further, but cooperation, which is the thing we must strive for today, begins where competition leaves off.“

Franklin D. Roosevelt, Rede beim People’s Forum in Troy, New York (3. März 1912)